Das Curriculum-Denken

Ich habe nichts gegen Curricula, im Gegenteil. Sie sind ein wichtiges Instrument der institutionalisierten Bildung, der aufbauenden Strukturierung von Lern- und Bildungsprozessen und der konsensuellen Vereinbarung von Bildungs-, Könnens- und Wissenszielen zwischen den Bundesländern, den Bildungsverwaltungen und den Schulen sowie in Fachschaften und zwischen den Lehrern und Lehrerinnen einer Schule.

Nach beinahe 15 Jahren Bildungsstandards für die ersten Fremdsprachen in der Sekundarstufe I und deren naht- und geräuschloser Fortschreibung in den Abitur-Standards der Kultusministerkonferenz von 2012 zeigt sich jedoch das Gegenteil dessen, was ursprünglich mit den Kompetenzcurricula verbunden war: Das Lernen wird als vollständig durchregulierte staatliche Veranstaltung aufgefasst, in der vielen Lehrern und Lehrerinnen die Hoheit über die Inhalte, Gegenstände und Strukturen der Lernprozesse und der schulischen Bildung ihrer Schüler und Schülerinnen abhandengekommen ist. Die Ursache dafür ist, dass alles, was die Lehrer und Lehrerinnen im Klassenzimmer tun, möglichst detailliert und umfassend vorgeschrieben und reguliert ist.

Der ursprüngliche Gedanke

Dagegen lautet die Ursprungsidee der Kompetenzcurricula eigentlich, dass Curricula ja gerade nicht auf der Mikro-Ebene des Unterrichts festlegen, was jeweils wie und mit welchen Zielen gelernt wird; vielmehr legen Curricula und die ihnen zugrunde liegenden Bildungsstandards Abschlussprofile fest, auf die hin die Lernprozesse gestuft und orientiert sein sollen. Das eigentlich Fatale ist also nicht, dass es Curricula gibt, sondern dass der Dekrete- und Erlasswust der Schulministerien und zentralisierte Abschlussprüfungen zu einem Denken geführt haben, das den Unterricht und dessen Inhalte als reguliertes System betrachtet, dem man als Lehrer und Lehrerin ausgeliefert ist.

Was ist zu tun?

Mindestens drei Strategien lassen sich vorstellen.

1Zuallererst braucht man das didaktische, das nichtcurriculare, das außercurriculare Denken, das sich von Bildungszielen und Sinnorientierungen leiten lässt und daraus die Ziele und Vorhaben des Unterrichts ableitet. Die jungen Menschen müssen in die Lage versetzt werden, an fremdsprachigen Diskursen teilzuhaben, sich darin zu positionieren und ein selbstbestimmtes Leben zu führen, für das die Fremdsprachen und zumal das Englische mehr Optionen eröffnen.

Daraus muss sich bestimmen, was Gegenstand des Lernens ist. Dieses didaktische Herangehen bedeutet auch, dass man sich bewusst herausnimmt, etwas jenseits der curricularen und der Standards-Vorgaben zu tun. Es ist eine Fehlannahme, dass dann nichts ‚Richtiges’ gelernt wird. Vermutlich im Gegenteil: Es wird wirklich verstanden, verhandelt und gesprochen oder geschrieben, was die Schüler und Schülerinnen bewegt. Die seit Jahrzehnten vorliegenden Ansätze der Themen-, der Aufgaben- und der Handlungsorientierung speisen sich aus genau diesem Gedanken.

2Weiterhin braucht man intelligente Curriculum-Strategien, um zu entscheiden, wie sich die Erfüllung der curricularen Vorgaben mit an den Schülern und Schülerinnen und ihren lebensweltlichen Erfahrungen und Interessen orientierten Vorstellungen von fremdsprachlicher Bildung verbinden lässt. Oft ist das einfacher als gedacht: Da die Curricula eher enge Vorstellungen vom sprachlichen Lernen definieren, ist es oft nicht schwierig zu sehen, wie man die Entwicklung von rezeptiven und produktiven Kkills, die ja immer noch das Zentrum der Bildungsstandards darstellen, mit komplexeren, interessanten, spannenden Vorhaben verbinden kann; die kommunikativen Fertigkeiten werden so oder so vorkommen.

3Die Schulcurricula müssen von den Schüler und Schülerinnen her gedacht und so konzipiert werden, dass sie nicht einer curricularen Erfüllungsphilosophie folgen, sondern stets eigene Entscheidungen der Lehrer und Lehrerinnen – auch zusammen mit ihren Schüler/innen – ermöglichen und die nötigen Freiräume dafür schaffen. Die Schulcurricula dürfen den Lehrer/innen keine Fesseln anlegen, sondern sie müssen den Fesselungen der übergeordneten Curricula entgegenwirken und Räume schaffen für selbstbestimmtes schulisches Lernen und Arbeiten.

Dies alles würde ich intelligentes curriculares Denken nennen, ein didaktisches Denken, das dringend gebraucht wird.

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