Das interkulturelle Paradigma

Was sind, einmal mit Wolfgang Klafki gefragt, die drängenden Fragen der Gegenwart, denen die schulische Bildung sich im Interesse der jungen Menschen und der Zukunft unserer Gesellschaft zuwenden muss? Man muss nicht lange überlegen, um wenigstens einige aufzählen zu können:

  • Flucht, Vertreibung und Migration – als Ergebnis von Kriegen und Bürgerkriegen.
  • Die völlig ungleiche globale Verteilung von Armut und Wohlstand.
  • Im Zusammenhang damit,global agierende Korporationen, die die Bedingungen fürs globale Wirtschaften setzen, mit brutaler Ausbeutung – vor allem auch von Kindern – in der sehr realen Wirtschaft, und mit globalen Setzungen insbesondere der Daten-Ausbeutung, die von den großen Internet-Monopolisten gemacht werden.
  • Der Verbrauch endlicher Ressourcen, die Kohlendioxyd-Verschmutzung und der Klimawandel.
  •  Die Geißel eines transnational und global agierenden Terrorismus, der sich nicht um nationale Grenzen schert, sondern sich, auf die angebliche universale Gültigkeit religiöser Gesetze beruft – die in Wirklichkeit pure Menschenverachtung und Barbarei ideologisch überhöhen.
  • Schließlich die Rückkehr des Nationalismus, der Nation als Paradigma und der Verlust der Bindungskraft des europäischen Gedankens und friedensstiftender transnationaler Kooperation.

Letzteres leider auch in den Hauptreferenz-Ländern des Fremdsprachenunterrichts, in Frankreich und im Vereinigten Königreich von Großbritannien.

Was sagt die Fremdsprachendidaktik dazu?

Welche Kategorien bietet sie an, um darauf zu reagieren? ‚Die Fremdsprachendidaktik’, jedenfalls im Mainstream, propagiert ungerührt die Gültigkeit des interkulturellen Paradigmas und landet regelmäßig bei der Frage, was ‚uns’ als Deutsche von ‚den Amerikanern’ oder ‚den Briten’ unterscheidet. Das ist vielleicht überspitzt formuliert. Aber man muss ernsthaft fragen, ob das interkulturelle Paradigma geeignet ist, für den Fremdsprachenunterricht – und die schulische Bildung – jene Fragen zu generieren, die die jungen und die zukünftigen Generationen im Sinne der oben notierten Agenda bedrängen werden.

Man könnte sagen, dass das alles reichlich akademische Fragen sind – wenn nicht die Folgen so weitreichend wären. Einerseits hat das Paradigma der Interkulturalität jede Kontur und Präzision verloren. Wenn alles Kulturelle interkulturell ist – wozu muss dann das ‚Inter’ herhalten? Umgekehrt, wenn das Kulturelle, wenn Kultur viel mehr umfasst als die interkulturelle Begegnung, dann führt das Paradigma dazu, dass viele andere, sehr relevante, sehr drängende kulturelle Phänomene damit gar nicht erfasst, vielleicht sogar davon überdeckt, überlagert, gar nicht wahrgenommen werden! Und das ist angesichts der oben angelegten gewaltigen Liste, die sich bereits nach kurzem Überlegen aufdrängt, nicht hinnehmbar.

Der Begriff der Fremdheit

Keine Frage: Der Umgang mit Fremden und ‚dem Fremden’ ist drängender denn je. Aber ist es ist nicht in sich schon eine manches Mal verheerende Grundannahme, ‚Fremdheit’ zum Problem zu erklären? Ist Fremdheit nicht das Normalste auf der Welt, ja, der Alltag? Ist nicht jeder Mensch, der uns auf der Straße, in der S-Bahn, im Flieger begegnet, eine Fremde oder ein Fremder? Und ist das ein Problem? Offensichtlich nein.

Kurz und anders gesagt: Warum gehen wir nicht dazu über, im Fremdsprachenunterricht von kulturellem Lernen zu sprechen, damit endlich alle Erfahrungen der Lebenswelt und die großen drängenden kulturellen Entwicklungen in der Welt den ihnen gebührenden Platz im Fremdsprachenunterricht erhalten: (kulturelle) lebensweltliche Erfahrungen, Erlebnisse, Wahrnehmungen, Denk- und Handlungsmuster; (inter-) kulturelle Differenzerfahrungen, (transkulturelle) Prozesse von kulturübergreifender Wirkmächtigkeit und Relevanz, (globale) Prozesse von weltumspannender Bedeutung, (transhistorische) epochenübergreifende Phänomene mit Analogien trotz distanter historischer Bedingungen.

Mein akademischer Lehrer Werner Hüllen hat am Beginn der fremdsprachendidaktischen Debatte über das interkulturelle Paradigma (1992) diese klugen Sätze geschrieben:

Prinzipiell ist somit die interkulturelle Kommunikation nicht von gewöhnlicher Kommunikation unterschieden. Beide Arten von Kommunikation laufen auf ein gegenseitiges Aushandeln von Bedeutungen hinaus. Immer sind wir zur Klarheit unserer Sprache, zur Ernsthaftigkeit unserer Behauptungen und zum Nachweis von deren Richtigkeit verpflichtet.

So ist es.

 

Ein Kommentar

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  • Das demnächst erscheinende Heft der Zeitschrift „Fremdsprachen Lehren und Lernen“ (FLuL 1/18) greift einige der o.g. Fragen auf. Der von Jochen Plikat und mir betreute Thementeil steht unter dem Titel „Fachlichkeit und Bildungsauftrag in schulischem Fremdsprachenunterricht“ und vereint Beiträge aus vorwiegend fachdidaktischer, aber auch aus bildungstheoretischer Perspektive. Eine Auseinandersetzung um die gesellschaftlich-soziale und zugleich individuell-persönliche Relevanz fremdsprachlichen Lernens in einem schulischen Kontext zu führen, scheint uns dringend erforderlich.

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