Welche Bildungssprache(n) für Zugewanderte?

Die beträchtliche Zahl von Schüler/innen mit nicht-deutscher Familiensprache in vielen Schulen und Regelklassen stellt alle Beteiligten vor sehr große Herausforderungen. Wieder einmal steht zu befürchten, dass auf der politischen Ebene ihre Integration als gelungen gilt, wenn sie im Bildungssystem ‚untergebracht’ sind. Dabei beginnen dort in Wahrheit die großen Schwierigkeiten. Man muss nicht besonders genau hinsehen um zu erkennen, dass die neu aufgenommenen Schüler/innen mit dem gängigen label ‚Migrationshintergrund’ nicht adäquat erfasst werden können: Jede/r einzelne hat eine individuelle Migrations- oder Fluchtgeschichte; jede/r bringt eine andere Familiensprache mit, eine andere Bildungsbiographie, andere sprachliche Voraussetzungen. Wie sollte diese Ausgangslage Lehrer/innen im Regelunterricht nicht überfordern? Und dennoch wird die Hauptlast der Sicherstellung einer adäquaten schulischen Bildung häufig auf ihnen allein abgeladen.

Strukturelle Beharrung

Umgekehrt werden schulstrukturelle Fragen in diesem Zusammenhang bildungspolitisch kaum verhandelt. Nur ein Beispiel: In der Sekundarstufe I gilt immer noch die starre Struktur der geschlossenen Klassenverbünde und der Jahrgangskohorten; für die Gruppe der neu Zugewanderten wird sie allenfalls – von Bundesland zu Bundesland verschieden – für Vorbereitungsklassen zum Zweck des Erlernens der deutschen Sprache zweitweise aufgehoben. Die starre Jahrgangsstufen- und Lebensaltersregel führt jedoch dazu, dass 15- oder 16-jährige, die soeben zugewandert sind, einer 9. Klasse zugewiesen werden, in der sie innerhalb von zwei Jahren den Sekundarabschluss erreichen sollen, unabhängig von allen Sprach- und Bildungsvoraussetzungen, die sie mitbringen. Wie soll solch ein schulischer Bildungsgang gelingen? Wie soll man damit umgehen, als Lehrer/in, Schüler/in oder Eltern, dass das Scheitern dieses Vorhabens vom ersten Tag an feststeht?

Fremdsprachiger Fachunterricht als Alternative

Eine solche strukturelle (aber auch institutionelle und bildungspolitische) Frage ist auch, ob das schulische Lernen exklusiv an die deutsche Sprache gebunden sein muss, oder ob diese Monolingualität der Schule aufgebrochen werden kann zugunsten eines mehrsprachigen Lernangebotes, das die verschiedensten Formen annehmen kann. Bei dieser Frage scheint es mir wert, eine Überlegung aufzunehmen, die ich bereits früher im Zusammenhang mit dem Bilingualen Unterricht geäußert habe. Das fachliche Lernen in einer Fremdsprache und nicht in der Schulsprache Deutsch kann zumindest ein möglicher Lösungsansatz für die großen Lernschwierigkeiten und die damit verbundenen Bildungsnachteile jener Lernenden sein, deren Erstsprache nicht die Schulsprache Deutsch ist.

Das Sachfachlernen in einer Fremdsprache stellt sich plötzlich als interessante Alternative zum deutschsprachigen Fachunterricht dar: Da die sprachliche Ausgangslage beim fachlichen Lernen in einer Schul-Fremdsprache für alle Lernenden vergleichbar ist oder sein kann (z.B. beim frühen Beginn des Fremdsprachenunterricht in der Grundschule oder ab Klasse 5), finden die Lernenden nichtdeutscher Sprache sich beim fachlichen Lernen auf Augenhöhe mit ihren deutschsprachigen Mitschülerinnen und -schülern; ihre Schwierigkeiten und ihre Erfolge werden mehr oder weniger denen der deutschsprachigen Lernenden gleichen. Tatsächlich ist auch eine Privilegierung denkbar, weil einige Zugewanderte zuvor möglicherweise eine Schule in einem Land mit Englisch oder Französisch als Schulsprache besucht haben.

Fremdsprache als lingua franca

Unter diesen Voraussetzungen stellt der fremdsprachige Sachfachunterricht eine Chance dar, wenigstens auf einigen – vielleicht sogar auf zentralen – Feldern des Lernens und der Bildung für alle Lernenden unabhängig von ihrer Erstsprache die gleichen Ausgangsvoraussetzungen und gleiche Lernbedingungen zu schaffen. Bilingualer Unterricht mit einer Fremdsprache als Arbeitssprache würde so nicht nur zu einem transkulturellen Diskurs- und Austauschraum, sondern er wäre ein Beitrag zur Mehrsprachigkeit auch in dem Sinne, dass er zur Verminderung von Bildungsnachteilen aufgrund der sprachlichen Herkunft beitragen könnte.

Es versteht sich, dass solch eine Variante schulischen Lernens nur ein kleiner Mosaikstein zur Bearbeitung der sprachlichen Voraussetzungen schulischen Lernens sein kann, der zudem an die personellen und organisatorischen Möglichkeiten einer Schule gebunden ist. Zudem muss natürlich sichergestellt werden, dass über den gesamten Bildungsgang gesehen Deutsch als Bildungssprache entwickelt werden muss. Aber vielleicht gelingt es zu zeigen, dass die Fremdsprache als Arbeitssprache eine Chance darstellt – eine von vielen, die man ergreifen kann, vielleicht sogar muss.

Mehr von Wolfgang Hallet zu diesem Thema
  • Scientific Literacy und Bilingualer Sachfachunterricht. In: Gnutzmann, Claus (Hrsg.). Fremdsprache als Arbeitssprache in Schule und Studium. Fremdsprachen Lehren und Lernen 36 (2007). 95-110.
  • Lernen fördern: Englisch. Kompetenzorientierter Unterricht in der Sekundarstufe I. Seelze: Klett Kallmeyer, 2011. Darin: Kap. 8; Die mehrsprachige Schule; bes. Kap. 8.4, „Bilingualer Unterricht“.
  • Genres im fremdsprachlichen und bilingualen Unterricht. Formen und Muster der sprachlichen Interaktion. Seelze: Klett Kallmeyer, 2016. Darin: Kap. 5: Genres im Bilingualen Unterricht.
  • Fremdsprachenunterricht und inclusive education. In: Burwitz-Melzer, Eva, Königs, Frank G., Riemer, Claudia & Schmelter, Lars (Hrsg.): Inklusion, Diversität und das Lehren und Lernen fremder Sprachen. Tübingen: Narr, 2017. 88-101.

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