Die Digitalisierung des Fremdsprachenlernens

Digitalisierung allenthalben. Sie ist ein politisches und ökonomisches buzz word geworden, und sie ist an die oberste Stelle der bildungspolitischen Agenda gerückt, jedenfalls rhetorisch. Natürlich beschäftigt sich auch die Fremdsprachendidaktik seit Längerem mit ihr. Genauere Beobachtungen mögen zu den folgenden Diagnosen führen.

Die Hardware-Fragen

Zum einen geht es sehr oft um die Hardware, die in Schulen und im Klassenraum verfügbar sein sollen, Überlegungen, die natürlich nicht nur den Fremdsprachenunterricht betreffen: der Internetzugang, das Whiteboard, die erlaubten Endgeräte. Zu all diesen Hardware-Diskussionen kann man sagen: Sie sind unabdingbare Voraussetzung des digitalen Lernens, aber selbst Geräte-Fragen sind pädagogische und didaktische Fragen, die von den allgemeinen Bildungszielen des schulischen Lernens und den spezifischeren Zielen des Fremdsprachenunterrichts her bestimmt werden müssen. Die Handy-Debatte zeigt die Verkürzungen: Da die Smartphones in kürzester Zeit (in etwas mehr als zehn Jahren!) zu einem zentralen, weil mobilen Instrument der Kommunikation, der sozialen Vernetzung und der Informationsbeschaffung geworden sind, kann man sie nicht allen Ernstes aus Bildung und Erziehung verbannen. Wohl aber kann und muss man ihnen einen klar definierten (fachlich und zeitlich begrenzten) und mit Zielbestimmungen versehenen Ort im schulischen Lernen zuweisen, zumal in einem Unterricht, dessen Ziel die Entwicklung kommunikativer Fähigkeiten ist.

Die Software-Fragen

Bei der Software sind sozusagen zwei Lernwelten zu unterscheiden. Zum einen ist das ein riesiges Angebot an Software für das private Selbstlernen, das auch den Nachhilfemarkt bedient oder in Ergänzung des schulischen Lernens genutzt wird. Von Babbel-Sprachlernprogrammen bis zu Online-Wörterbüchern und Online-Tests ist alles vertreten, manchmal mit sehr begrenztem Wert. Zum anderen gibt es Software für das schulische Lernen: Mittlerweile haben alle Verlage ein vollständig digitalisiertes Angebot rund um das Lehrwerk entwickelt oder dieses durch eine digitale Variante ersetzt. Diese integrierten Software-Angebote haben natürlich den Vorteil, dass sie nach Lernjahren gestuft und thematisch wie in der sprachlichen Progression und im Wortschatz auf einen bestimmten Sprachlehrgang abgestimmt sind. Alle Software-Fragen können letztlich nur danach entschieden, wie förderlich sie dem Sprachlernen sind und ob sie wirklich geeignet sind, das Erlernen komplexer kommunikativer Fähigkeiten zu ermöglichen. Die eigentliche Entwicklung steht hier noch aus: Wenn sprachbezogene Artificial Intelligence-Lösungen sich im bisherigen Tempo weiterentwickeln, kann man hier bald noch eine Menge erwarten, das uns heute noch unmöglich erscheint.

Die Digitalisierung der Kommunikation

Den Kern der Beschäftigung mit der Digitalisierung dürfen jedoch gar nicht die Hardware- oder Software-Debatten sein. Viel wichtiger ist, wie sich die Kommunikation und das Soziale selbst durch mobile digitale Technologien verändern. Wie wir seit Langem wissen, hat sich durch die Digitalisierung die Qualität dessen substanziell verändert, was wir als Text betrachten. Anstelle eines einzelnen Lesetextes eröffnet uns jeder elektronische Hypertext den Zugang zu einem ganzen Universum an Texten, sodass ‚Lesen‘ nunmehr auch die Entscheidung über den Lesepfad, die Auswahl der Funde und Informationen und deren Integration in das eigene Wissen oder kommunikative Zwecke beinhaltet. Dies ist nur ein Beispiel für den digitalen Wandel des Wissens und der Kommunikation. Dass vom gekonnten Umgang mit Texten einschließlich digitaler Genres die Kommunikation und deren Erlernen unmittelbar betroffen sind, liegt auf der Hand.

Digital literacy

Wir kommen also vor allem wegen der Digitalisierung der Kommunikation und aller Diskurse nicht umhin, uns zu fragen, wie eine fremdsprachige digitale Diskursfähigkeit – digital literacy – aussehen kann. Sie muss einerseits eine Dimension der allgemeinen fremdsprachigen Diskursfähigkeit sein und in diese integriert werden. Andererseits muss ihre Entwicklung den sehr spezifischen digitalen Kommunikationsweisen und deren Instrumenten Rechnung tragen. Das scheint mir der eigentliche Auftrag zu sein. Mittlerweile habe ich mich in einer Reihe von Veröffentlichungen dazu geäußert. Darin versuche ich zum einen, das ganze Thema fremdsprachendidaktisch zu systematisieren.

Hier finden Sie einen kurzen Aufsatz dazu. Und hier ist ein Online-Video mit einem Vorschlag zur Systematisierung des Digitalisdierungsdiskurses.

Zum anderen habe ich mich mit der spezifischen ‚Sprachlichkeit‘ der digitalen Kommunikation beschäftigt, mit den „multiple languages of digital communication.“ In einem Beitrag dieses Titels zu einem soeben erschienenen, sehr empfehlenswerten Sammelband von Daniela Elsner und Judith Bündgens-Kosten (Multilingual Computer-Assisted Language Learning; Bristol: Multilingual Matters, 2018) versuche ich aufzuzeigen, dass wir mit unserem bisherigen engen Sprachbegriff nicht mehr weiterkommen, sondern dass wir einen komplexen, multillateralen Kommunikationsbegriff brauchen, der in Rechnung stellt, dass in heutigen Akten der Kommunikation die Kombination mehrerer Bedeutungsträger (Text, Bild, Sound, Grafik usw.) die Regel ist. Auf einen solchen komplexen, multimodalen Kommunikations- und Diskursbegriff muss die Fremdsprachendidaktik hinarbeiten.

2 Kommentare

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  • Danke, Herr Müller. Hallet’s YouTube Language Channel und dieser Blog sind ja vergleichsweise neu und jung. In der Tat schwebt mir vor, beides nach und nach zu einer reichhaltigen Plattform zu entwickeln für alle, die sich für den Fremdsprachenunterricht interessieren und engagieren.

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