Bildungssprache und generisches Schreiben im Fachunterricht

Sprachwissenschaftler unterscheiden das formale Sprachsystem vom kommunikativen Sprachgebrauch in kulturell eingebetteten Situationen (langue vs. parole bei de Saussure 1916); mit der Konsequenz, dass auch die Basiseinheit eine andere ist. Während die strukturalistisch-generativ vorgehenden Linguisten den Satz als zentrale Kategorie ansehen, postuliert die funktionale Sprachbeschreibung und -analyse das Genre (also eine diskursive Textform) als basale Einheit der Sprachverwendung. Neben dem thematischen Inhalt eines Genres spielen somit der Adressatenbezug und die Modalität der Performanz eine Rolle.

Fachliches als sprachliches Lernen

Beim Menschen ist alles inhaltliche Lernen in den verschiedenen Domänen eines Lehrplans immer auch sprachliches Lernen. Schließlich ist das speziesspezifische Charakteristikum des Menschen das verbale Denken (so Wygotskij 1964). Von daher sind im Schulsystem verschiedene Register des Sprachgebrauchs zu unterscheiden: die Alltags- oder Umgangssprache und die fachbezogene Bildungssprache der diversen curricularen Domänen (letztere Begrifflichkeit von Gogolin in Anlehnung an Habermas). Sie sind nicht identisch, denn die Schulsprache ist in der objektsprachlichen Realisierung (mit dem Alter der Lernenden zunehmend) syntaktisch komplexer sowie semantisch dichter und abstrakter. Sie ist vor allem von der schriftlichen Standardsprache bestimmt, und die Art des Denkens ist bei Fachexpert/innen eine andere als in der alltagssprachlichen Kommunikation. So darf in Deutschland z.B. Tieren kein Hab und Gut vererbt werden, denn sie gelten als ‚Sachen‘. Schon vor etwa 40 Jahren hatte der nach Kanada ausgewanderte Ire Cummins in seiner sog. „Interdependenz“-Hypothese darauf verwiesen, dass bei einem gelungenen Spracherwerb (ähnlich einem Eisberg) eine gemeinsame, tiefer liegende Sprachfähigkeit ausgebildet wird. Diese ist konstitutiv für die Ausprägung und Entwicklung der sog. Bildungssprache in den einzelnen Fächern des Schulwesens.

Sprachsensibler Fachunterricht

Der von den diversen PISA-Studien seit 2000 vorgelegte Befund, dass der Schulerfolg von Lernenden an deutschen Bildungseinrichtungen mit der sozialen Herkunft bzw. dem sozio-ökonomischen Hintergrund einer Familie hoch korreliert, ist ein Armutszeugnis für das Bildungssystem. Warum? Weil die Schule sich nicht primär auf das vom Elternhaus ererbte ‚kulturelle Kapital‘ (so der Begriff von Bourdieu) eines Lernenden verlassen darf .

Das stages-Modell zu einer Argumentation (exposition, adaptiert aus Rose/Martin 2012, S. 68; in :Hallet 2016, S. 91)

Ein Bildungssystem muss selbst über die Art des Unterrichts die Weichen für den Erfolg von Schülern/innen stellen. Die bildungssprachliche Entwicklung von Lernenden ist (biologisch gesprochen) ein ‚epigenetischer Prozess‘; d.h. sie kann auf der Ausdrucksebene von Unterricht beeinflusst werden. Folglich muss ein ’sprachsensibler Unterricht‘ (Leisen) durch eine gezielte Förderung die individuelle Entwicklung einer Bildungssprache leisten, auch und gerade in den Sachfächern. Dort müssen, besonders was die symbolisch vermittelten Kommunikationssysteme betrifft, systematisch in allen Domänen sowie durchgängig auf allen Schulstufen und in allen Schulformen die entsprechenden Fähigkeiten vermittelt werden.

Lerngerüste: Scaffolding

Das stages-Modell, illustriert an Piephos (1996, S. 18) Beispiel einer Argumentation (exposition) für den Anfangsunterricht (Modell in: Hallet 2016, S. 91)

Die Unterstützung realisiert sich zum einen in umfangreichen ‚Lerngerüsten‘ verbal-sprachlicher, visuell-grafischer und sozialer Natur (zu scaffolding vgl. u.a. Wygotskij, Bruner, Gibbons/scaffoldingammond, Thürmann, Hallet). Diese für eine begrenzte Zeitspanne gewährten Hilfen sind nicht allein lexikalisch ausgerichtet, und sie schließen auch ad hoc-Maßnahmen bei Schwierigkeiten von Lernenden ein. Sie sprechen zum anderen die Sprachbewusstheit der Lernenden mit an; etwa wenn das fachbezogene generische Schreiben im Mittelpunkt steht (einschließlich der stages, des Textbauplans für das jeweilige Genre). Hier sind Vorbehalte auf Seiten der von Lehre/innen zu befürchten, nicht nur weil es viel Zeit kostet.

Generisches Sprachlernen als Bildungsauftrag

Meine Position: Wir leben in einer Wissensgesellschaft, und die Entfaltung des konzeptuellen Wissens braucht das generische Schreiben. Diskursiv-generisch verwendete Sprache ist das wichtigste ‚kognitiv-kulturelle Werkzeug‘ des Menschen (Wygotskij). Im Sinne einer pragmatischen Bildungstheorie (begründet von Dewey) bereiten schulische Institutionen auf eine lebensweltliche Realität in der nachschulischen Zeit und auf eine kommunikative Teilhabe an der Gesellschaft vor (über eine sprachlich vermittelte Allgemeinbildung: W. v. Humboldt). Genres sind auch in der Zukunft zu produzieren.

Literatur (Auswahl)

Hammond, Jenny & Gibbons, Pauline (2005).Putting scaffolding to work: The contribution of scaffolding in articulating ESL education. Prospect, Vol. 20, No. 1 (April 2005): 6-30.

Hallet, Wolfgang (2016). Genres im fremdsprachlichen und bilingualen Unterricht. Formen und Muster der sprachlichen Interaktion. Seelze: Klett Kallmeyer.

Thürmann, Eike (Hrsg.) (2013). Scaffolding. Der fremdsprachliche Unterricht Englisch 47, 126.

Wygotskij, Lev S. (1964). Denken und Sprechen. Berlin: Akademie Verlag.

Zydatiß, Wolfgang (Hrsg.) (2010). Scaffolding im bilingualen Unterricht. Der fremdsprachliche Unterricht Englisch 44, 106.

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