Ghana gestern und heute – ein Gespräch mit Helen Yitah

Wenn es um Mehrsprachigkeit geht, fällt einem als erstes nicht unbedingt ein westafrikanisches Land wie Ghana ein. Das ist kein Zufall: Das anglophone Afrika bildet nicht gerade einen zentralen Fokus der deutschen Anglistik und erst recht nicht der Englischdidaktik. Während die anglistischen Literatur- und Kulturwissenschaften sich in den postkolonialen Studien außer mit den weißen südafrikanischen Autor/innen (Nadine Gordimer oder die beiden Nobel-Preisträger/innen Doris Lessing und J.M. Coetzee) intensiv mit den großen Vertretern der anglophonen afrikanischen Literatur wie Chinua Achebe oder Ngûgî wa Thiong‘o beschäftigt haben, ist das anglophone Afrika in der Englischdidaktik regelrecht marginalisiert worden.

Die Bedeutung des Wissens um die koloniale Geschichte Westafrikas

Dabei bringt insbesondere das anglophone Westafrika nicht nur großartige Beiträge zur englischsprachigen Literatur der Gegenwart hervor, sondern das Wissen um die Geschichte der Kolonisierung Westafrikas durch Großbritannien ist einer der Schlüssel zum Verständnis der Gegenwart:

The Republic of Ghana, West Africa

  • rassistische Anschauungen von der behaupteten Minderwertigkeit afrikanischer Völker,
  • die willkürlichen Staatsgrenzen Ghanas oder Nigerias,
  • die Bildungs- und Regierungssysteme und nicht zuletzt
  • die Rolle des Englischen

sind allesamt das Erbe der britischen Kolonisierung.

 

Die Dringlichkeit der Beschäftigung mit Westafrika

Insofern ist die Dringlichkeit groß, sich auch in der Englischdidaktik und im Englischunterricht mit dem anglophonen Westafrika zu beschäftigen. Begrüßenswert ist es, dass Nordrhein-Westfalen Nigeria zum neuen thematischen Schwerpunkt der Abiturprüfung bestimmt hat. Die Marginalisierung Westfarikas in der Englischdidaktik war einer der Gründe für das Seminar „Studying and Teaching West Africa“, das ich im Sommer 2017 in Gießen gemeinsam mit der Literatur- und Kulturwissenschaftlerin Dr. Andrea Rummel halten konnte. Ein Glücksfall war es, dass wir in diesem Seminar als Dozentin für einige Sitzungen Prof. Dr. Helen Yitah von der Universität Ghana, Legon in Accra, gewinnen konnten, die Gastprofessorin an der Justus-Liebig-Universität war.

Ein Gespräch mit Helen Yitah

Bei einem weiteren Besuch im Jahr 2018 konnten wir sie für ein Gespräch über die koloniale Vergangenheit und die postkoloniale Gegenwart Ghanas gewinnen. Sie spricht über

  • die unglaublich große Zahl von Ethnien und Sprachen in ihrem Land,
  • die Willkür der Grenzziehungen in Afrika und
  • den kolonialen ‚Import‘ des Konzeptes des Nationalstaates.

Im Zusammenhang damit teilt sie mit uns sehr persönliche Erfahrungen der Mehrsprachigkeit und spricht über ihr Projekt der Erforschung einer ghanaischen indigenen Literatur, die nur in mündlicher Form überliefert ist.

Das Desideratum einer postkolonialen Didaktik

Was Helen Yitah über ihr Land erzählt, ist nur ein kleiner Einblick, verglichen mit der großen vor uns liegenden Aufgabe, das anglophone Afrika zu erkunden. Im Zeitalter von Globalisierung und Migration ist es höchste Zeit, dass die Fremdsprachendidaktik ihren Fokus auf die westliche Welt um jenen auf die Kulturen und die Varietäten des Englischen im globalen Südens ergänzen, und sei es nur, um das überholte Denken in Mustern des „jene da unten“ in Afrika und „wir hier oben“ in Mitteleuropa zu überwinden. In vielerlei Hinsicht ist unser Leben mitten in Europa mit dem Leben der Menschen in Westafrika und in anderen Teilen dieses riesigen Kontinents auf direkte Weise verbunden. Das ist Grund genug, mit den jungen Menschen im Englischunterricht die anglophonen  Kulturen Afrikas zu erkunden.

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