Neu gelesen: die New London Group

Zu Beginn des dritten Jahrtausends veröffentlichte eine Gruppe Intellektueller, die sich The New London Group nannte, unter dem Titel „A Pedagogy of Multiliteracies“ ein Programm für einen neuen Ansatz des Sprachenlernens: Anstatt nur die Literalität des Lesens und Schreibens zu unterrichten, argumentierten sie für das Erlernen vielfältiger Literalitäten, um die Lernenden auf diese Weise zur Teilhabe an einer sich globalisierenden und vielfältiger werdenden Welt zu befähigen. Die Zeitdiagnose, auf der der Ansatz der New London Group beruht, muss jedoch beinahe zwei Jahrzehnte nach der Veröffentlichung kritisch unter die Lupe genommen werden.

Im ersten Semester: Partizipation und Pluralismus

Als ich “A Pedagogy of Multiliteracies” zum ersten Mal las, gefiel mir der Ansatz. Er hatte eine kritische Schlagseite, betonte Partizipation und Pluralismus und zielte ab auf die Befähigung der Lernenden zur Gestaltung der Zukunft. Seine Basis war eine Zeitdiagnose, die einen dreifachen gesellschaftlichen Wandel feststellte: Die multimediale Massenkultur gewann Einfluss auf das Privatleben und die Lebenswelten wurden vielfältiger, während sich die Öffentlichkeit zusehends pluralisierte. Außerdem – und für mich am interessantesten – stellte die New London Group einen Wandel der Arbeitswelt vom Fordismus zum „schnellen“ Kapitalismus fest, wobei strikte Hierarchien und Disziplin durch Zusammenarbeit und Mentoring ersetzt wurden. Obwohl sie die Befürchtung äußerten, der Kapitalismus könnte diese Fortschritte nur scheinbar integrieren, tatsächlich aber ausbeuterisch bleiben, hatte die New London Group die Vision einer Demokratisierung der Arbeit und einer Entwicklung hin zu produktiver Diversität.

Einige Semester später: Die Arbeit und der Westen

Gerade diese dritte Zeitdiagnose empfand ich als problematisch, als ich den Text vor kurzem erneut las. Zwar scheint sich die Vision der New London Group auf den ersten Blick mit der Ausbreitung von flachen Hierarchien, Zusammenarbeit und Diversität in der Arbeitswelt erfüllt zu haben, während ältere Ansätze von Ausbeutung und Disziplinierung abgeschafft worden sind. Auf den zweiten Blick zeigt sich jedoch, dass dies nur für die Oberklassen im Westen gilt. Die unteren Klassen arbeiten noch immer unter dem autoritären Regime des „alten“ Kapitalismus, ebenso wie der Globale Süden, wo Güter für den Westen in einigen Fällen mit Sklavenarbeit hergestellt werden. Der Multiliteracies-Ansatz trägt zur Aufrechterhaltung dieser Muster von Ausbeutung und Ungleichheit bei, denn ein pädagogischer Ansatz, der auf die Teilhabe der Lernenden an flachen Hierarchien und Arbeitsplätzen voller Diversität zielt, nutzt vor allem den westlichen Oberklassen, die auch unter solchen Bedingungen arbeiten. Der emanzipatorischen Prämisse der New London Group wird ihr Ansatz folglich nicht gerecht, da er die Unterklassen ebenso wie den Globalen Süden ignoriert. „A Pedagogy of Multiliteracies” ist eurozentrisch und blind gegenüber der Klassengesellschaft.

Ein Kritischer Ausblick: Pädagogisches Potenzial

Untergräbt diese Kritik den Multiliteracies-Ansatz nun als Ganzen? Ich denke nicht. Wegen seiner Betonung von Partizipation und Pluralismus – und damit demokratischer Erziehung – ist der Ansatz noch immer wertvoll. Er muss jedoch angepasst werden, um diese wertvollen Ziele auch tatsächlich erreichen zu können – gerade in Zeiten eines wachsenden Autoritarismus. Beinahe zwei Jahrzehnte nach seiner Veröffentlichung sollte „A Pedagogy of Multiliteracies“ nicht entsorgt, sondern erneuert werden. Wenn man seine Prämissen neu durchdenkt und seine kritischen Anteile stärkt, kann der Ansatz der New London Group einen noch bedeutenderen Anteil zu einer Erziehung zur Mündigkeit leisten.

Literatur: The New London Group (2000). “A Pedagogy of Multiliteracies: Designing social futures.” Multiliteracies: Literacy Learning and the Design of Social Futures. Ed. Bill Cope and Mary Kalantzis. London/New York: Routledge, 9-37.

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