Fotos im Fremdsprachenunterricht

In der Fremdsprachendidaktik besteht seit geraumer Zeit Einigkeit darüber, dass die überwiegende Mehrzahl der kommunikativen Handlungen nicht mehr ausschließlich verbaler Natur ist, sondern dass unsere Kommunikation und die kulturellen Diskurse durch Multimodalität geprägt sind und dass stets ein breites Spektrum an semiotischen Modi und insbesondere visuellen Symbolsprachen genutzt wird. Deshalb stellt Gunter Kress in seinem Buch über Multimodalität (2010, S. 102) fest:

Multimodal production is now a ubiquitous fact of representation and communication. That forces us urgently to develop precise tools requisite for the description and analysis of texts and semiotic entities of contemporary communication.

Aus diesem Grund hat die Multiliteracies-Didaktik zu Beginn des 21. Jahrhunderts in ihrer Bildungstheorie u.a. vorgeschlagen, die visuelle Kompetenz der Schüler/innen zu fördern, da ihnen auf diese Weise eine der wichtigsten Fähigkeiten zur Teilhabe an Diskursen und kultureller Kommunikation vermittelt wird.

Konkretisierung von visual literacy

Allerdings ist ‚visuelle Kompetenz‘ auch ein sehr breites, unspezifisches Konzept, das die große Bandbreite von Bildsprachen und symbolischen Systemen nicht wirklich berücksichtigt. Es ist ganz offensichtlich, dass der kartographische Modus, die Sprache und das Design von Comics oder der fotografische Modus der Darstellung der Welt substanziell sehr verschieden sind. Dies gilt auch für ihre kommunikativen Zwecke, ihre kommunikative Leistungsfähigkeit und ihre Grenzen sowie für die jeweiligen sozialen und kulturellen Kontexte, in denen sie Verwendung finden.

Aus all diesen Gründen ist es höchste Zeit, sich den verschiedenen semiotischen Modi, die in die kulturelle Kommunikation Eingang finden können, spezifischer zu nähern, damit sie in einem multimodalen Ansatz für das Lehren und Lernen von Sprachen unterrichtet werden können, und zwar

  • als eigenständige symbolische Sprachen; so können Fotos auf die gleiche Weise gelesen und erstellt werden wie jeder andere ‚Text‘, der sich auf modusspezifische Regeln und Codes zur Erzeugung und Vermittlung von Bedeutung stützt. Fotografien ersetzen oft komplexere Botschaften, da sie die Fähigkeit (affordance) haben, komplexe Inhalte instantan zu kommunizieren.
  • als einen der Modi in der multimodalen Kommunikation, die Teil größerer multimodaler Diskurse und der Kommunikation sind, nicht zuletzt im digitalen Zeitalter. In Social Media werden kurze Textnachrichten oft durch Fotos illustriert, und Fotos werden durch Bildunterschriften oder andere kurze Texte oder andere Elemente ergänzt (digital stoyrtelling!). Ein solches Zusammenspiel der Fotografie mit verschiedenen anderen Modi hat eine große kulturelle Normalität, und wenn es nur ein digitales Foto auf einem Smartphone ist, das jemandem gezeigt und in einen Kommunikationsakt hineingezogen wird.
Systematisierung der fotografischen Kommunikation

Um den Bereich der fotografischen Kommunikation beim Fremdsprachenlernen systematischer und substanzieller zu gestalten, haben Roswitha Henseler und ich ein Themenheft von Der fremdsprachliche Unterricht Englisch (FUE) konzipiert und herausgegeben, in dem wir die Rolle von Fotos im Fremdsprachenunterricht systematisieren, Unterrichtsmethoden vorschlagen und praktische Beispiele oder Unterrichtseinheiten präsentieren. Wir möchten die vielfältigen Möglichkeiten zeigen, die uns Fotos für den Englischunterricht auf verschiedenen Klassenstufen eröffnen, von den ersten Jahren des Sprachenlernens bis zum Oberstufenunterricht.

Zum Inhaltsverzeichnis des FUE-Heftes Bilder lesen – Photography. Hier ist eine Auswahlbibliografie zum kostenlosen Downlad erhältlich. Hier geht es zum FUE blog post zur Fotografie.

Der photo cycle

Für dieses Themeneft von FUE habe ich einen systematischen Ansatz zum Lesen von Fotos entwickelt, da das ‚Wie‘ die größte Herausforderung für Sprachlehrer/innen darstellt, die (oft) keine Expert/innen für das Unterrichten von Bildern und insbesondere der Sprache der Fotografie sind. Das Modell, das ich vorschlage, ist ein photo cycle, der in FUE auf den Methode-im-Fokus-Seiten des Heftes erklärt wird.Ich schlage vor, sich den Fotos in vier Phasen oder auf vier verschiedene Arten zu nähern:

1Punctum: Nach Roland Barthes ist dies das Stadium, in dem sehr unmittelbare Eindrücke, Gefühle und Reaktionen auf ein Foto artikuliert werden, um zu kommunizieren, wie und in welcher Weise das Foto die betrachtende Person ‚getroffen‘, ergriffen hat.

2Kulturelles Sehen: Dieser Schritt (oder dieses Herangehen) ist der detaillierten Betrachtung und Beschreibung aller Dinge gewidmet, die auf dem Foto dargestellt werden. Die zugrundeliegende Annahme ist, dass wir Wesen und Objekte in einem Foto dekodieren, indem wir die gleichen (kulturellen) Codes verwenden wie in unserer kulturellen Realität.

3Ästhetisches Sehen: Jedes Foto ist eine Komposition, eine Anordnung von visuellen Zeichen, basierend auf der Auswahl, Organisation und Präsentation dessen, was in einer bestimmten Weise dargestellt wird, indem man einen Blickwinkel wählt, Personen oder Objekte in eine bestimmte Position rückt, geometrische Tiefenstrukturen schafft oder Farbe und Licht einsetzt.

4Kontextualisierung: Es ist eine gängige und fast natürliche Praxis, ein Foto einer bestimmten Situation zuzuordnen, einem Fotografen, der es kreiert hat, und einem größeren kulturellen Kontext, in dem es entstanden ist oder verbreitet wurde.

Schon in diesem knappen Blog-Eintrag sollte deutlich geworden sein, dass eine systematischere Integration von Fotos in den Fremdsprachenunterricht ein sehr lohnendes Unterfangen ist. Fotos sprechen in der Regel nicht für sich selbst, sondern sind immer Teil eines größeren Diskurses; sie inspirieren unsere Gedanken und Imaginationen und initiieren Gespräche und Kommunikation in der Lebenswelt wie im Fremdsprachenunterricht.

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