Englisch als ‚natürliche‘ Sprache
Es ist weithin bekannt und eine weit verbreitete Beobachtung, dass eine recht große Zahl von Menschen in Deutschland und anderen deutschsprachigen Ländern Englisch in ihrem Alltag für verschiedene Zwecke nutzt – beruflich, in der Freizeit und auch in der (möglicherweise zweisprachigen oder mehrsprachigen) Familie. Allerdings ist die Nutzung englischsprachiger Online-Ressourcen und -Angebote, auf die Nutzer/innen zugreifen, um an all diesen Ressourcen teilzuhaben und von ihnen zu profitieren, erheblich gestiegen. Dazu gehören Video- und Musikkanäle aller Art, insbesondere aus dem Bereich der Popkultur (der „Swifties“-Effekt), Fanplattformen und Social-Media-Kanäle von Prominenten aus allen Bereichen wie Sport, Film und Popmusik oder auch Videospiele und deren Online-Communities (siehe Jones 2018). All diese Nutzer/innen generieren eine enorme Anzahl von Followern und Fans (Instagram, TikTok), sodass es große globale Communities gibt, denen man nur angehören und zu denen man nur beitragen kann, wenn man die englische Sprache beherrscht. Darüber hinaus gibt es eine beeindruckende Anzahl informativer Formate wie Podcasts oder wissenschaftliche YouTube-Videos, die in englischer Sprache zu einem unglaublich breiten Spektrum von Themen – von Astronomie über Buchvorstellungen bis hin zu Videospielen – zugänglich sind und auf die unsere Schüler/innen regelmäßig zugreifen.
Substanzielle Effekte bei jungen Sprecher/innen des Englischen
In Deutschland wurden wir erstmals durch eine groß angelegte empirische Studie des deutschen IQB (Institut für Qualitätsentwicklung im Bildungswesen) aus dem Jahr 2022 auf die erheblichen Auswirkungen des außerschulischen Englischgebrauchs auf den Sprachunterricht aufmerksam. Die Studie (IQB 2023) unter Neuntklässlern in Deutschland zeigte, dass die kulturelle Allgegenwart des Englischen zu einer signifikanten Steigerung der Hör- und Lesefähigkeiten führte. Diese Erkenntnis bestätigte die Ergebnisse einer 2009 von Pia Sunquist in Schweden durchgeführten Studie sowie die sehr differenzierten Erkenntnisse von Johanna Uhl aus dem Jahr 2019 (Literaturangabe s.u.). N. Dobric und D. Jones werten derzeit ebenfalls eine von ihnen in Österreich durchgeführte Studie aus, die sich mit den Zusammenhängen zwischen dem Gebrauch des Englischen außerhalb der Schule und den Sprachkenntnissen befasst (Literaturhinweis s.u.). Darüber hinaus gaben in der IQB-Studie 90 % der Befragten an, dass Englisch eine wesentliche Dimension ihres Selbst-Konzepts darstellt. Diese Selbstwahrnehmung geht mit einem mittleren (33 %) oder hohen (45 %!) Interesse an der englischen Sprache einher, das deutlich über den Werten für Deutsch, der Schulsprache, liegt (siehe Diagramm in Abb. 1). In der IQB-Studie wurde die Hypothese aufgestellt, dass diese persönliche und kulturelle Stellung des Englischen das Ergebnis des zunehmenden und fast schon selbstverständlichen Gebrauchs von Englisch in allen Arten von digitalen Umgebungen ist (IQB 2023: 354).

Abb. 1: Das Selbst-Konzept und Interesse an Englisch von Neuntklässlern (IQB 2023: 348)
Unterrichts- und Schulforschung zum außerschulischen Gebrauch von Englisch
Weitere empirische Erkenntnisse lassen sich natürlich auch in kleineren empirischen Schul- und Unterrichtsstudien gewinnen – eine Art der Forschung, mit der sich auch Lehrkräfte vertraut machen müssen, um tiefere Einblicke in die Sprachkompetenz und die Begabungen ihrer Schüler/innen infolge des außerschulischen Gebrauchs der englischen Sprache zu erlangen. Aus diesem Grund sind empirische Studien im Masterstudiengang „Master of Education“ in Bonn (Deutschland) Bestandteil des Praktikums der Studierenden. In mehreren dieser Studien wurde der außerschulische Gebrauch und der Erwerb der englischen Sprache bei Jugendlichen untersucht.
Eine Studie zu extramural English unter Neuntklässlern
Jana Hombach führte eine Umfrage unter 20 Neuntklässlern aus zwei verschiedenen Klassen an einer Internationalen Schule durch, wobei sie eine 4-Punkte-Likert-Skala verwendete, und stellte fest, dass die Schüler/innen Englisch nicht nur gelegentlich oder häufig außerhalb des Unterrichts nutzen, sondern dass diese Art der Nutzung am häufigsten bei Online-Aktivitäten auftrat (siehe Abb. 2). Das Hören von Musik oder Podcasts sowie das Anschauen von Filmen und Serien (hauptsächlich auf Streaming-Portalen) oder YouTube-Videos auf Englisch wiesen den höchsten Mittelwert auf (M = 3,37–3,45). 50 % (!) der Schüler gaben an, dass sie Inhalte immer auf Englisch konsumieren, bei Videos waren es sogar 58 %. 40 % der Schüler gaben an, dass sie bei der Kommunikation über soziale Medien und beim Online-Chatten die englische Sprache verwendeten.

Diese Studie ergab zudem eine signifikante positive Korrelation zwischen dem Selbstkonzept hinsichtlich der persönlichen Bedeutung von Englisch und dessen Nutzung außerhalb des Unterrichts (r = 0,506, p = 0,023), was darauf hindeutet, „dass Schüler mit einem höheren Selbstkonzept in Englisch dazu neigen, Englisch außerhalb der Schule häufiger zu verwenden.“ (Hombach 2026: 10; siehe Abb. 3; Übersetzung WH) Die Ergebnisse und Zahlen dieser Studie sind beeindruckend, wenn auch nicht vollständig repräsentativ für Schüler/innen in Deutschland; auf jeden Fall deuten sie auf eine grundlegende Herausforderung herkömmlicher Konzepte des Fremdsprachenlernens in institutionellen Kontexten hin.

Abb. 3: Mittelwerte für den außerschulischen Gebrauch des Englischen und das Selbst-Konzept und Interesse der Lernenden (Hombach 2026)
Das Problem des didaktisierten Sprachlernens
Der eher ‚natürliche‘ Gebrauch der englischen Sprache durch Englischlernende stellt traditionelle Vorstellungen und Konzepte des Sprachunterrichts grundlegend in Frage. Der Titel eines Symposiums, das Dale Jones und ich für die 11. Biennial International Conference on the Linguistics of Contemporary English in Klagenfurt, Österreich (BICLCE, 1.–4. Juli 2026), organisiert haben, lautet daher: „When English is no longer a ‚foreign‘ language“ (Thematic Session 6). Einige der Auswirkungen liegen auf der Hand: Englisch wird für eine wachsende Zahl von Lernenden – derzeit fast bis zu 50 % in einer Klasse – zu einer Sprache, die Teil der Alltagskommunikation ist. Für sie ist es sehr schwer nachvollziehbar, warum sie sich im Unterricht mit didaktisierten, oft sehr künstlichen und unauthentischen Sprachaktivitäten beschäftigen sollten. Sie nutzen Englisch als „reale Sprache“ und nicht in fiktiven didaktischen Kommunikationssituationen. Ihr Hauptinteresse wird wahrscheinlich darin bestehen, ihr ‚reales‘ Englisch zu verbessern, das sie in ihren verschiedenen Umgebungen und Communities benötigen und nutzen, damit sie kompetenter und auch in den verschiedenen Bereichen (Filme, Videospiele, Musik usw.) spezialisierter werden. Wenn es zudem Schüler/innen gibt, die bereits ziemlich sprachkompetent sind, führt dies offensichtlich zu einer größeren sprachlichen und möglicherweise auch kulturellen Heterogenität in den Lerngruppen, in denen einige fast alles verstehen und ausdrücken können, während andere erhebliche Schwierigkeiten haben, da Englisch für sie immer noch eine Fremdsprache ist.
Die Zukunft der linearen curricularen Progression
Die größte Herausforderung besteht wahrscheinlich darin, dass von all jenen, die Englisch in außerschulischen Kontexten fast auf natürliche Weise erwerben, nicht mehr erwartet werden kann, dass sie eine stark didaktisch geprägte curriculare Strategie wertschätzen, bei der in einer Lektion eine Grammatikstruktur und ein bestimmtes thematisches Vokabular eingeführt wird, in der nächsten dann ein anderes sprachliches Mittel oder lexikalisches Feld und so weiter – was suggeriert, dass sich das grammatische Wissen und der Wortschatz der Lernenden Woche für Woche schrittweise aufbauen lassen. Stattdessen sind ihre Lernerfahrungen und -gewohnheiten wohl sehr funktional orientiert und werden sich auf jene sprachlichen Kenntnisse und Fähigkeiten konzentrieren, denen sie in ihren sozialen und kommunikativen Kontexten im Alltag begegnen, vor allem in der digitalen Welt. Übungen auf der Mikroebene und die sukzessiv aufbauende Lehrwerkstrategien (Lernen als Aufeinanderfolge von Lerneinheiten) des Sprachunterrichts werden sie wahrscheinlich nicht mehr motivieren und sind nicht geeignet, ihre Sprachkompetenz weiterzuentwickeln.
Was ist die Alternative?
Ich kann in diesem Beitrag nicht im Einzelnen auf eine alternative Didaktik des Sprachunterrichts eingehen (vielleicht später, nach dem BICLCE-Symposium), die dem natürlichen Gebrauch des Englischen durch so viele Lernende Rechnung trägt. Es liegt jedoch auf der Hand, dass die Kluft zwischen pädagogischen, stark didaktisierenden Ansätzen und dem realen Spracherwerb geschlossen werden muss, damit die außerschulischen Sprachkontexte und -kontakte der Schüler sowie ihre Fragen dazu zu einer entscheidenden Dimension des Sprachunterrichts werden und dass, wie es bei der komplexen Aufgabe der Fall ist, reale Diskurse zur wichtigsten Bezugsfolie für den Sprachunterricht werden.
Ein besonderer Dank gilt Jana Hombach für die Erlaubnis, in diesem Post Daten und Ergebnisse aus ihrer unveröffentlichten Studie (Quelle siehe unten) zu verwenden.
Literatur: Dobrić, Nikola & Jones, Dale (2025). Closing the conceptual and terminological gap on the possible statuses of English – Is English still just a special kind of a foreign language? Forthcoming. — Hombach, Jana (2026). The Use of English in Extramural Contexts. University of Bonn, Department of English, American and Celtic Studies. Seminar Paper. [Typescript, unpublished]. — [IQB 2023] Stanat, Petra, Schipolowski, Stefan, Schneider, Rebecca, Weirich, Sebastian, Henschel, Sofie & Sachse Karoline A. (Hrsg.) (2023). IQB-Bildungstrend 2022. Sprachliche Kompetenzen am Ende der 9. Jahrgangsstufe im dritten Ländervergleich. Münster & New York: Waxmann. — Jones, R. D. (2018). Developing Video Game Literacy in the EFL Classroom – A Qualitative Analysis of 10th Grade Classroom Game Discourse. Tübingen: Narr Francke Attempto Verlag. — Sundqvist, Pia (2009). Extramural English Matters. Out-of-School English and Its Impact on Swedish Ninth Graders‘ Oral Proficeny and Vocabulary. PhD Thesis. Karlstad: Karlstad University Studies. — Uhl, Johanna (2019). Informelle Sprachlernbegegnungen mit dem Englischen von Kindern und Jugendlichen bei der Nutzung mobiler Technologien. PhD Thesis. University of Würzburg.
