Die Rolle der Lehrwerke im digitalen Zeitalter
In Fremdsprachenunterricht der Sekundarstufe I sind Lehrwerke die wichtigste Unterrichtsressource. Sie bieten Texte und Materialien an, dazu eine Vielzahl von Übungen und Aufgaben, einen umfassenden Wortschatz sowie grammatikalische Anleitungen und Medienpakete mit Videos und Audiodateien, manchmal auch zusätzliche Materialien und manchmal auch Aufgaben für die Weiterarbeit über die jeweilige Unterrichtseinheit hinaus. Insbesondere die Texte und Materialien präsentieren die jeweiligen meist kulturell definierten thematischen Inhalte; oft sind sie entlang landeskundlichen Themen konzipiert, wie beispielsweise einer britischen Mittelklasse-Familie, dem urbanen Leben in New York City oder der Tierwelt Australiens.
Lehrwerkenthusiasmus?
Was die Motivation der jugendlichen Lernenden angeht, ist schwer nachvollziehbar, warum und wie solche Inhalte, die auf traditionellen Vorstellungen von Kultur basieren, das Interesse der Schüler wecken und zu Engagement und begeisterter Arbeit anregen können. Der Kern des Problems liegt erwartbarer Weise im unbegrenzten Zugang zu Wissen und riesigen Inhaltsvorräten in digitalen Umgebungen. Mit solchen riesigen Informations- und Wissensmengen wird ein Lehrwerk niemals mithalten können, beispielsweise mit Informationen zu New York, die online auf Hunderten von Plattformen verfügbar sind – von Enzyklopädien bis hin zu Google Street View. Mit anderen Worten: Wenn junge Menschen interessiert sind, müssen sie nicht auf eine Lektion im Lehrbuch warten, die ihnen ohnehin nur einen sehr kleinen Ausschnitt der kulturellen Realität bieten kann, die sie gerne entdecken möchten.
Irgendwas zu entdecken?
„Entdecken“ ist auch ein didaktischer Schlüsselbegriff: Das Lehrwerk fördert und schult in der Regel nicht die Fähigkeit der Lernenden, Themen und Phänomene zu recherchieren, über die sie mehr wissen möchten, tiefere Einblicke darin zu gewinnen oder sich sogar zu Expert/innen zu entwickeln. Stattdessen verweist das Lehrwerk sie auf eine sehr begrenzte und vorgefertigte, abgeschlossene Art von Informationen, sodass ihre Neugier, ihr Wunsch, mehr zu erfahren, und ihre Entscheidung, sich eingehender mit einem bestimmten Thema zu befassen, das sie interessiert, weitgehend ignoriert werden.
Der Zeitverzug
Das Gleiche gilt für aktuelle kulturelle, politische, mediale oder gesellschaftliche Entwicklungen, die ein Lehrbuch aus systemischen Gründen nicht anbieten kann. Die Entwicklung und Veröffentlichung eines Lehrwerks dauert Jahre, sodass das, was einst neu und vielleicht sogar spannend erschien, längst nicht mehr aktuell oder auf dem neuesten Stand ist. Trends sind die Feinde des Lehrwerks. Heutzutage sind die enorm dynamischen Entwicklungen in der digitalen Welt ein wesentlicher Grund dafür. Neue Formate und ganze Technologien wie z. B. TikTok oder Künstliche Intelligenz entwickeln sich so schnell, dass ein Lehrwerk schlicht ein ‚langsames‘ Medium ist, das unmöglich mit der Dynamik der digitalen Welt Schritt halten kann. Kein Wunder also, dass sich die Jugendlichen in unseren Klassenzimmern, die versierte Nutzer von YouTube, Spotify oder TikTok sind, im Lehrwerk nicht wiedererkennen und keinen wirklichen Bezug zu diesem herstellen können: Was das Lehrwerk zu bieten hat, ist für sie in den meisten Fällen nicht relevant und bedeutungsvoll und zeigt oft eine ganz andere Welt als die, in der sie leben, kommunizieren und handeln.
Content Creation
Der kulturelle Wandel hinsichtlich des Wissenserwerbs und der Erstellung von Inhalten im digitalen Zeitalter ist jedoch grundlegender Natur. Die Jugendlichen und jungen Erwachsenen in unserem Fremdsprachenunterricht sind nicht nur versierte Nutzer von YouTube, Spotify oder TikTok, sondern auch selbst Ersteller/innen von Inhalten. Auch wenn sie dies noch nicht in ausgeprägter Form tun, ist die eigene Content-Kreation eine diskursive und kommunikative Praxis, mit der sie vertraut sind oder die Teil eines ihnen bekannten Spektrums an Kommunikationsmöglichkeiten ist. Selbst das kürzeste Alltagsvideo, das unter Freund/innen geteilt wird, ist Teil dieses tiefgreifenden Wandels in der Produktion und Verbreitung von Wissen, Inhalten und Informationen. Die Auswirkungen sind weitreichend und müssen in breiteren und tiefergehenden wissenschaftlichen Kontexten untersucht und diskutiert werden. Wichtig ist in unserem Kontext: Diese diskursive Praxis betrifft fundmental das gesamte Verständnis der Rolle und Gestaltung von Lehrwerken, da diese auf pädagogischen Prinzipien des Gatekeeping beruhen, die der Erstellung von Inhalten im digitalen Zeitalter zuwiderlaufen: Die Themen und Inhalte in Lehrwerken werden sorgfältig ausgewählt und sind höchst selektiv, bestimmt durch Rahmenbedingungen, die außerhalb der jeweiligen Inhalte liegen; Lehrbuchinhalte sind begrenzt, geschlossen und feststehend. Kein Wunder also, dass sich die aktuelle Generation von Lehrwerknutzer/innen im Zeitalter der permanenten Kreation und Zirkulation von Online-Inhalten nicht mit diesem statischen Medium identifizieren kann, das sowohl inhaltlich als auch hinsichtlich der Nutzungspraktiken statisch ist.
Die Adaptivität von Aufgaben und Materialien
Aus all den oben genannten Gründen liegt es auf der Hand, dass in einem adaptiven Unterricht, der die Erfahrungen, Interessen, Kenntnisse und Kompetenzen der Lernenden berücksichtigen und an diese anknüpfen will, das Lehrwerk in der uns bekannten Form keine Option mehr ist. Es gibt jedoch auch pädagogische Gründe im engeren Sinne. Aus systemischen Gründen können Lehrwerktexte und -materialien, Aufgaben und Übungen unmöglich auf die Individuen und ihre Persönlichkeiten in einer bestimmten Lerngruppe oder Klasse ausgerichtet sein aus dem einfachen Grund, weil ein Lehrbuch diese nicht kennen kann. Es gibt nur eine einzige Person, die eine adaptive Lernumgebung schaffen kann, die für die Lernenden interessant, spannend und wertvoll ist: die Lehrkraft. Sie hat Zugang zu den Erfahrungen, Interessen und Denkweisen der Schüler‘/innen und kann Aufgaben und Materialien erstellen, die auf eigenen Beobachtungen oder einer diagnostischen Einschätzung der Talente und Fähigkeiten, Erfahrungen und Interessen der Schüler/innen basieren – alternativ aber auch auf der partizipativen Aushandlung von Themen und Fragestellungen mit den Schüler/innen. Gemeinsam mit den Lernenden können Optionen abgewogen und Entscheidungen getroffen werden, da die Lernenden sich aktiv mit der Erforschung eines bestimmten Themas auseinandersetzen und Arbeitsergebnisse erzielen möchten, mit denen sie sich identifizieren können. Eine solche adaptive Strategie ist der einzige Weg, auf dem sich die Lernenden die jeweiligen Inhalte oder eine Aufgabe, die dazu dient, tiefer in das Thema einzutauchen oder sich vielleicht sogar ganz darin zu vertiefen, wirklich zu eigen machen können.
Die Neugestaltung von Lehrwerken
Angesichts all dieser Beobachtungen, Überlegungen und Gedanken stellt sich die Frage: Wie sieht die Zukunft des Lehrwerks im Sprachunterricht aus? Ich werde dieses Thema in einem weiteren Beitrag in diesem Blog („Hat das Lehrwerk eine Zukunft?“) aufgreifen, um die Auswirkungen eines solchen Paradigmenwechsels zu reflektieren und zu diskutieren. Ich sehe zwei Optionen für die Zukunft des Lehrwerks:
Ein Paradigmenwechsel: von Inhalten zu diskursive Praktiken
Soll die herkömmliche Vorstellung vom Lehrbuch, das einen Sprachkurs strukturiert und anleitet und zugleich ein Sprachenlerncurriculum bereitstellt, beibehalten werden, ist eine vollständige und paradigmatische Verschiebung des Fokus dieses didaktischen Mediums unerlässlich – weg von vordefinierten „relevanten Inhalten“ hin zu „relevanten diskursiven Praktiken“. Ein solches Lehrwerk muss tiefe, verstehende Einblicke in die generischen Äußerungsformen in kulturellen Diskursen aller Art bieten und eine Anleitung dazu geben; auch muss es relevante diskursive Praktiken vermitteln, an denen die Heranwachsenden und jungen Erwachsenen teilhaben können und möchten. Bereits ab dem ersten Jahr des Sprachunterrichts wird das Spektrum solcher Praktiken breit gefächert sein; es kann beispielsweise von allen Arten des Storytelling oder des Argumentierens (wie z. B. in Kommentaren auf den unterschiedlichsten digitalen Plattformen) bis hin zur Erstellung von Memes oder der Produktion von TikTok- oder YouTube-Videos reichen.
Die Alternative: eine digitale Ressourcenplattform
Die Alternative im Sinne einer radikaleren Neuausrichtung des gesamten pädagogischen Leitmediums besteht in einer Abkehr von der statischen Vorstellung des (gedruckten oder elektronischen) ‚Lehrwerks‘ hin zu einer offeneren, dynamischeren und sich ständig weiterentwickelnden Ressourcenplattform für das Sprachenlernen, z. B. in Form eines Blogs. Diese würde vom Lehrbuchverlag administriert und mit Inhalten versorgt werden; auch der curriculare Charakter eines Sprachkurses mit seinen verschiedenen Stufen und Lerneinheiten kann erhalten bleiben. Aufgrund des hypertextuellen Charakters eines Blogs oder einer Online-Plattform wird der Nutzung jedoch kein linearer Lernverlauf auferlegt. Vielmehr gibt es optionale Wege und wählbare Verzweigungen. Die Plattform ist zudem offen für ständige Aktualisierungen aller Art (einschließlich der Inhalte), Ergänzungen und innovative multimediale Beiträge, z.B. hinsichtlich digitaler und analoger generischer Modelltexte. Darüber hinaus bietet sie interaktive Räume für Inhalte, die von Lehrenden und Lernenden selbst erstellt werden. Eine solche Option wird die Art und Weise, wie diese Meta-Lernressource von den Lernenden wahrgenommen wird, grundlegend verändern, da sie nicht zuletzt von ihren eigenen Beiträge gespeist wird.
Dieser Post wurde angeregt durch Gespräche und Diskussionen bei der Tagung der Klett-Akademie für Fremdsprachendidaktik aus Anlass ihres 20-jährigen Jubiläums am 19. und 20. Juni 2026 in Straßburg. Herzlichen Dank.
