Der kalte Sprung in die Digitalität als Chance?

“Extraordinary times require extraordinary action”. So wie Christine Lagarde die wirtschaftlichen Herausforderungen beschreibt, so sind auch die Herausforderungen der nächsten Wochen und Monate in Bezug auf die Digitalität für Schulen in Deutschland zu beschreiben. Es ist schwierig anzunehmen, dass alle Schulen in  Deutschland in ein paar Wochen wieder im Regelbetrieb funktionieren. Daher sind  nunmehr unbedingt Möglichkeiten des Unterrichts als digital learning gefragt. Wenn wir die bestehenden Möglichkeiten von Lernplattformen, Videoplattformen und das Telefongespräch als Möglichkeit der Kommunikation wiederentdecken, erscheint schulisches Lernen aus der Distanz möglich zu sein. 

Meine Lerngruppe

Es handelt sich bei der von mir digital beschulten Gruppe um eine sechste Klasse eines Gymnasiums in Leverkusen. Die Klasse hatte in der ersten Woche der einschränkenden Maßnahmen in Deutschland fünf Stunden Englischunterricht im „digital classroom“. Die Lerngruppe arbeitet mit dem Lehrwerk Greenline 2 (G8) und hat zuvor keinerlei Erfahrungen im digitalen Klassenzimmer gemacht.

Google Classroom – Praktikabilität

Google Classroom ist eine kostenlose Internetlernplattform, die es Lehrern ermöglicht Aufgaben einzustellen und an die SuS weiterzugeben. Hierbei können die SuS mit dem Lehrer auch per Chat-Funktion, dem class stream, kommunizieren. Ein Hauptkriterium der Anwendung von Google Classroom war für mich die Praktikabilität. Eine Lernplattform existiert an meiner Schule und vielen Schulen in NRW nicht. Das von Google bereitgestellte digitale Klassenzimmer ist für Schüler/innen   und Lehrer/innen  einfach zu bedienen und läuft ohne technische Probleme; das Einstellen und Nutzen von Unterrichtsmaterialien kann schnell erlernt werden. Ebenso erscheint die Möglichkeit der Kommunikation durch einen Chatverlauf anwenderfreundlich zu sein. Den Lernenden ist es möglich, Fragen zu den Aufgaben zu stellen, Lehrer/innen können Hilfe anbieten und sie behalten die Kontrolle über den Chat-Verlauf.

Datenschutz

Der Datenschutz ist in der Vergangenheit ein wichtiger und richtiger Anlass zur Kritik gewesen. Diese Kritik ist verständlich und angebracht. Trotzdem ist für mich die schnelle Anwendbarkeit des Systems das ausschlaggebende Kriterium bei der Wahl von Google Classroom gewesen. Die Zeit drängt und Schwachstellen des Datenschutzes, wie z.B. die Benutzung der Notenfunktion, kann und muss jede Lehrperson selbst ausschließen. Im Folgenden versuche ich meine ersten Erfahrungen als Lehrer mit der Kombination aus Google Classroom, dem Telefongespräch und Youtube innerhalb der ersten Unterrichtswoche weiterzugeben.

Eine Beispielseite der Lernplattform

Teilnehmerzahl

Durch die Zusendung eines Codes und nach dem Eröffnen  eines Google Kontos werden die Schüler/innen in das digitale Klassenzimmer Google Classroom aufgenommen. Erstaunlich war für mich die Geschwindigkeit, in der es den Schüler/innen, wahrscheinlich mit Hilfe ihrer Eltern, möglich war, dem digitalen Klassenzimmer beizutreten. Innerhalb von 2 Tagen waren über 90% dabei, innerhalb von fünf Tagen alle.

Feste Unterrichtszeiten als Beitrag zum Lernalltag

Die Möglichkeit für Schulen, ein Mindestmaß an Lernalltag in den Familien herzustellen, ist sicherlich als hoch einzuschätzen. Um einen Beitrag zur Normalität in diesen Zeiten zu leisten, habe ich mich dazu entschlossen, die festen Unterrichtszeiten des Stundenplans beizubehalten.

Ansprechbarkeit des Lehrperson per Telefon

Der Lehrer ist während der gewohnten Unterrichtszeit sowohl über den Chat-Verlauf im classroom  als auch per Telefon für die Lernenden zu erreichen. Diese nutzten die Möglichkeit im Verlauf der Woche zunehmend. Es ist nach meiner Auffassung nicht ratsam, die Schüler/innen mit den Aufgaben für Wochen alleine zu lassen; dies führt bei ihnen schnell zu einer maßlosen Überforderung. 

Stundenpräsentation und Aufgaben im Lehrwerk als Anker

Die Lerngruppe arbeitete in der beschriebenen Unterrichtswoche schwerpunktmäßig an verschiedenen Interviews. Hierbei wurden auch Unterschiede zwischen Simple Past und Present Perfect herausgearbeitet. In Greenline, Unit 4 ist das leitende Thema „Sport is good for you!“. Die Schüler/innen rufen zum Stundenanfang die Präsentation der Stunde und aller Aufgaben in einer Powerpoint oder einem pdf-Dokument gebündelt ab. Das Dokument wird in dem classroom unter „Kursaufgaben“ abgelegt. Dieses Paket beinhaltet alle Aufgaben, die Lösungen und dient für die SuS als Wegweiser durch die Unterrichtsstunde. Wichtig erscheint hierbei, dass die  Materialien anschaulich und klar strukturiert sind, so dass keine Missverständnisse entstehen. Vor dem Weiterklicken zu einer Lösungsfolie erscheint z.B. ein „watchdog“, der fragt, ob die Aufgabe auch wirklich von den Schüler/innen bearbeitet wurde. Zudem orientieren sich die Aufgaben zum größten Teil an dem Lehrwerk, das den Schüler/innen in der Bewältigung der Aufgaben Sicherheit vermittelt. 

Die watchdog Folien
Telephone buddy

Die Schülerinnen und Schüler bekommen für kommunikative Aufgaben jede Woche einen telephone buddy zugewiesen. Dieser Telefonfreund ist ein Mitschüler oder eine Mitschülerin. Die Zuteilung macht Sinn, so dass der Lehrer weiterhin Einfluss nehmen kann und die Schüler/innen auch nach Leistungsstand mischen kann. So haben diese z.B. in Einzelarbeit Fragen für ein Interview mit Nick Ashton, einem fiktiven Rugby-Spieler, vorbereitet. Daraufhin rufen Sie ihren telephone buddy an und entscheiden sich für eine der zwei Rollen. Nick Ashton beantwortet die Fragen spontan und danach werden die Rollen getauscht.

Differenzierungsmöglichkeiten

Wie im Regelunterricht bleibt der Umgang mit Heterogenität ein unverzichtbarer Bestandteil für einen guten Englischunterricht. Hierbei bietet die Arbeit im digitalen Raum unvorhergesehene Möglichkeiten. In einer differenzierten Aufgabenstellung am Ende der Woche wurden die Schüler/innen aufgefordert, ein Werbeposter für einen Sportclub zu erstellen.  Hierbei konnten sie ein Poster in Bastelarbeit erstellen oder ein Poster mit AdobeSpark erstellen. Die App ermöglicht es den Lernenden, ein Poster digital zu designen.

Youtube Videos

Wie bereits ausgeführt kann der Kontakt zu den Schüler/innen durch den Chat oder per Telefon individuell erhalten bleiben. Jedoch müssen auch Wege gefunden werden, die es der Lehrperson ermöglicht, alle Schüler/innen gemeinsam anzusprechen. Die Nutzung von Videos birgt den Vorteil, dass die Erläuterungen auch außerhalb der festen Unterrichtszeiten abzurufen sind.

In diesem Bildschirmvideo wird die Anwendung von AdobeSpark erklärt.

Vorstellbar ist, dass Videos bei der Erklärung von Aufgaben, dem Erklären von grammatikalischen oder kulturellen Phänomenen, bei der Differenzierung und bei der Einführung bzw. dem Abschluss am Ende einer Stunde nützlich sein können. Daher versuche ich nach und nach, die Möglichkeiten von Videoaufnahmen und Bildschirmaufnahmen für meinen Unterricht nutzbar zu machen. 

Dieses Video führt in eine Aufgabe zum Thema reports mit einem persönlichen Bericht des Lehrers ein.

(Zwischen-) Fazit

Nach einer Woche Arbeit im digitalen Klassenzimmer sehe ich viel Potenzial darin, bestehende, gefestigte und erprobte Strukturen eines kommerziellen Anbieters während der Krisensituation für die schulische Arbeit zu nutzen. Möglichst wenig anfängliche Anwendungsprobleme helfen Lehrer/innen dabei, sich auf die Erstellung von guten digitalen Stunden zu konzentrieren – und das ist für den Moment Herausforderung genug. 

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