Homeschooling oder digitales Distanzlernen?

Gleich zu Beginn der Corona-Virus-bedingten Schließung der Schulen hat sich in der Alltagssprache im Nu homeschooling als Begriff für das häusliche Lernen etabliert. Im kulturellen Kontext offener Bildungssysteme wie dem der USA ist homeschooling jedoch ein Konzept, in dem Eltern, die Familie oder andere häusliche caretaker die Rolle einer Lehrperson einnehmen – außerhalb des Schulsystems. Auf ein solches Konzept außerschulischen Lernens darf in der gegenwärtigen Phase jedoch gerade nicht gesetzt werden. Eltern sind keine Ersatzlehrer/innen, und Lehrer/innen müssen die zentralen, fachlich ausgebildeten Bezugspersonen für eine Lerngruppe und jede/n einzelne/n Schüler/in bleiben. Jenseits der fachlichen Problematik muss gerade in dieser .Situation auch verhindert werden, dass Schüler/innen aus sog. bildungsfernen Familien benachteiligt werden, weil ihre Eltern nicht helfen können.

Die Parameter des Präsenzunterrichts

Der Shutdown aller Schulen und Bildungseinrichtungen stellt alles, was wir als Unterricht praktiziert haben und was wir über das institutionelle Lernen zu wissen glauben, in Frage. Das betrifft

  • die zeitliche Taktung und die räumlichen Ko-Präsenz
  • die soziale Kooperation und Interaktion und
  • die personale Bindung an Mitschüler/innen und Lehrer/innen.

Die allermeisten vertrauten Formen des institutionellen Lernens orientieren sich an diesen Bedingungen. Das englische classroom für ‚Unterricht‘ trifft das präzise. Für den Fremdsprachenunterricht sind die Folgen vergleichsweise substanziell: Das Einüben und Praktizieren mündlicher face to face-Kommunikation ist suspendiert, ebenso die kommunikative Interaktion im classroom discourse, die einen so wichtigen Bestandteil des fremdsprachlichen Lernens darstellt. Besonders fragend-entwickelnde Verfahren ohne direkte Interaktion sind in der Distanzkommunikation schwierig zu bewerkstelligen, allerdings je nach genutzter Unterrichtstechnologie auch nicht unmöglich.

Kompetenzen, Erfahrung und Erprobung

Angesichts der so skizzierten Lage sind jetzt aus dem Stand Konzepte für das Distanzlernen gefordert. Im Distanzunterricht sind Lehrkräfte mehr oder weniger erfahren, meist auch gar nicht ausgebildet. Ich selbst gehöre auch eher zu den Nicht-Experten, die sich eigentlich mit Ratschlägen zurückhalten müssten. Andererseits ist es jetzt wichtig, Erfahrungen auszutauschen, Optionen zu erkunden und keine Angst vorm Erproben zu haben. Dazu möchte ich in nächster Zeit auch mit diesem Blog beitragen, nicht allein, sondern auch mithilfe von Beiträgen von Kolleg/innen aus ihrer Praxis. Philipp Reul macht mit einem ersten  Erfahrungsbericht zum Distanzlernen mit einer 6. Klasse den Anfang.

Didaktische Kompetenzen für das Distanzlernen

Es ist gerade in der jetzigen Lage nicht das Schlechteste, sich auf Analogien zwischen Präsenz- und Distanzlernen zu besinnen. Das kann z.B. bedeuten, wie es viele Kolleg/innen tun, die erprobten Lernwege weiter zu beschreiten, z.B. mit der Wochenplanarbeit oder in der Arbeit mit dem Lehrwerk. Das schafft, wie im herkömmlichen Unterricht auch, eine Verlässlichkeit und Vertrautheit, die für die Lernenden, ihre Eltern und für die Lehrer/innen gerade jetzt so wichtig ist. Freilich stellen sich auch sofort zentrale Fragen, auf die ich in diesem Blog nach und nach eingehen möchte: Auf welchen Wegen kann oder soll die Lehrer/innen-Schüler/innen-Kommunikation stattfinden? Wie kann allen Schüler/innen auch aus der Distanz die Unterstützung gegeben werden, die sie benötigen? Wie können Lehrer/innen darüber im Bilde bleiben, wie die Lernenden ihre Arbeitsprozesse gestalten und ob sie erfolgreich arbeiten? Wie können alle Lernenden ein möglichst individuelles Feedback zu den Fortschritten und Ergebnissen ihrer Arbeit erhalten? Damit sind nur einige der pädagogischen und didaktischen Fragen genannt, die auch im Präsenzunterricht Gültigkeit besitzen, die aber nun neu bedacht werden müssen.

Sehen Sie das Video zur Digitalisierung des Fremdsprachenunterrichts

Technologien für das Distanzlernen

Die Antworten hängen beim digitalen Distanzlernen entscheidend davon ab, welche technischen Umgebungen dafür zur Verfügung stehen. Die größten Analogien zum Lernen im Klassenzimmer lassen sich mit Video-Konferenz-Software erzielen, weil dort sogar der gesamte classroom discourse digitalisiert und mit der visuellen und akustischen Präsenz der Schüler/innen und der Lehrperson im gleichen (digitalen) ‚Raum‘ vonstatten gehen kann. Auch Lernplattformen sind natürlich sehr geeignet, weil sie von der Bereitstellung von Materialien und Arbeitsblättern bis zu Foren oder Wiki- und E-Mail-Funktionen sehr viele didaktische Optionen anbieten. Der einfachste, aber deshalb auch wertvolle Weg ist die E-Mail-Kommunikation, die für die Übermittlung von Aufgaben und Arbeitsergebnissen genutzt werden kann.

Ausgangsbedingungen der Lernenden

Freilich muss stets sehr konkret (selbst fürs e-mailing) für die Mitglieder einer Lerngruppe geprüft werden, welche technischen Voraussetzungen für das häusliche Lernen vorliegen; leider ist es auch Realität, dass Familien nicht über einen Computer verfügen oder dass Schüler/innen nicht gelernt haben, mit einer Tastatur umzugehen. Daher lautet das Prinzip: stets zuerst die Ausgangsbedingungen erfassen und ggf. auch die technische Handhabung einüben. Auch das ist nicht bloß der Not geschuldet: Wann, wenn nicht in solchen Phasen erfahren junge Menschen die Notwendigkeit, tastaturgebundene längere und kohärente Texte zu verfassen und Schreib-Software zu benutzen?

Digitale Kommunikation als Chance

Dies führt zur vielleicht wichtigsten Reflexion im Bereich des Fremdsprachenlernens: Wie kann die gegenwärtige Phase genutzt werden, um etablierte digitale Formen, Formate und Genres der kommunikativen Interaktion einzuüben, systematisch(er) zu erlernen und kompetent in der fremdsprachlichen Interaktion zu nutzen? Im Projekt der Aufgabenentwicklung im Forschungsverbund Leistung macht Schule (LemaS) hatten wir (und natürlich die Schüler/innen!) das Glück, bereits viele solcher wertvoller Zielprodukte und Kommunikationsformate in der Unterrichtspraxis sehen zu können, vom Online-Bewerbungsvideo über audio-guides bis zu blog posts und digitalen magazines. Wenn diese Art Kompetenzerwerb gelingt, kann die gegenwärtige Phase auch dazu beitragen, dass die digitale Bildung und der Erwerb digitaler literacies im Fremdsprachenunterricht vorankommen. 

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