Plan D für Digitalisierung

Die Befunde zum Distanzlernen, die bisher zugänglich sind, sind eher erschütternd: Das Lernen war oftmals unstrukturiert, ineffizient und in keiner Weise vergleichbar mit dem, was man von geordneten Unterrichtsprozessen in Klassenzimmer erwartet. Freilich sind empirische Studien wie die jüngste des ifo Instituts insofern irreführend, als sie die zahlreichen Fälle von gelungenem Distanzunterricht und best practice-Modelle, die viele Schulen quer durch die Republik aus dem Stand für das Distanzlernen entwickelt haben, außer acht lassen. Das ist nicht nur ungerecht, sondern es verstellt auch den Blick darauf, wo und wie man ansetzen kann und muss, um für zukünftige Phasen von (teilweise oder ganz) geschlossenen Schulen gerüstet zu sein. Ungerecht ist auch, wenn nun ein Lehrer/innen-Bashing beginnt; denn das, was einzelne Lehrkräfte leisten (können), ist an Voraussetzungen gebunden.

Das digitale Lernen organisieren

Tatsache ist, dass fast alle Bundesländer es über beinahe zwanzig Jahre hinweg versäumt haben, in ihren Schulen eine verlässliche, lerneffiziente und didaktisch begründete digitale Infrastruktur aufzubauen. Diese ermöglicht, wie viele Schulen mit kompletter digitaler Ausstattung bewiesen haben, nicht nur ein schnelles Umschalten auf das Distanzlernen; vielmehr kann nur sie es gewährleisten, dass für alle Beteiligten – Lehrer/innen, Schüler/innen und Eltern – das Lernen und Arbeiten in digitalen Umgebungen und mit digitalen Formen des Wissens und Könnens Normalität erlangt und nicht bloß als Notlösung empfunden wird. Wenn das geschehen wäre, wäre die Arbeit in digitalen Umgebungen für die Lehrer/innen längst Alltag. Es liegt also in jeder Hinsicht auf der Hand, dass die Planlosigkeit des Distanzlernens ein Ende haben muss. Es muss schleunigst einen Plan D – für digitales Distanzlernen – geben. 

Plan D, Teil 1: Projektmanagement für die Digitalisierung

Die Bildungsministerien der Länder können es nicht länger den einzelnen Schulen überlassen, je für sich eine digitale Infrastruktur aufzubauen, die hohen Ansprüchen an die Schulbildung genügt. Wie man in Unternehmen und auch in den Universitäten, die alle mit Rechenzentren ausgestattet sind, sehen kann, verlangt die Digitalisierung der Infrastruktur einen hohen Grad an Professionalität. Die digitale Grundausstattung einer Schule mit aufeinander abgestimmer Hardware, Software, WLAN und Endgeräten, mit Intranet und Cloud, mit Einweisungen und Schulungen ist ein komplexes Projekt, das Management und Spezialwissen verlangt. Die Zeiten, in denen engagierte Lehrer/innen ein Computerlabor und die digitalen Endgeräte, vielleicht auch noch die ganze Palette von Software und Anwendungen über alle Fächer hinweg betreuen, sind endgültig vorbei. Es ist kein Zufall, dass die Millionen aus dem Digitalpakt des Bundes und der Länder nur sehr zögerlich abgerufen werden: Wie sollen Schulen solch große Digitalisierungsprojekte managen? Die Kommunen als Schulträger leiden unter dem gleichen Problem: Nicht nur können sie ihre Schulen aus ihren laufenden Budgets kaum oder gar nicht angemessen ausstatten; vielmehr verfügen auch sie nicht über das Knowhow und über das Personal, das für eine digitale Ausstattung, die Wartung und einen kontinuierlichen support der Schulen erforderlich ist. Anders gesagt: Es muss schnellstens einen Digitalpakt zwischen den Landesregierungen und den Schulträgern geben, damit diese Aufgabe durch task forces an allen Schulstandorten noch im beginnenden Schuljahr finanziell und personell gestemmt werden kann.

Plan D, Teil 2: Digitalisierung als schulische Bildungsaufgabe

Das digitale Lernen muss eine selbstverständliche Dimension des Lernens in allen Fächern werden – nicht als Notlösung in Phasen der Schulschließung, sondern als allgemeine und ständige Bildungsaufgabe. Wie wir gegenwärtig allenthalben beobachten können, erlangt der geläufige Umgang mit digitalen Instrumenten im Arbeitsleben und im persönlichen Umgang einen hohen Grad an Normalität; ein großer Teil des kulturellen Wissens ist mittlerweile digital verfügbar, und es haben sich spezifische Formate und Praktiken der Kommunikation und des öffentlichen Diskurses herausgebildet, die systematisch eingeübt werden müssen, damit sie qualitätsvoll, reflektiert und in sinnvoller Weise angewandt werden. Zu dieser Bildungsaufgabe gehört scheinbar Banales wie das Verfassen eines elektronischen Textes, das an das Bedienen einer Tastatur und die Vertrautheit mit Textverarbeitungsprogrammen gebunden ist – Fertigkeiten, die im Smartphone-Zeitalter mit zwei Daumenschreibtechnik keinesfalls vorausgesetzt werden können. Dazu gehören aber auch das Anfertigen eines Online-Bewerbungsvideos (ggf. in einer Fremdsprache) ebenso wie die Arbeit mit Datenbanken in den Naturwissenschaften oder mit Archiven und digitalen Artefakten in den gesellschafts- und geisteswissenschaftlichen Fächern. Eine solche Normalität des digitalen Arbeitens und Lernens auch im Präsenzunterricht ist zugleich die Voraussetzung für ein schnelles Umschalten auf das Distanzlernen – und dessen Simulation, bevor der Ernstfall eintritt. Die bevorstehende Präsenzphase muss daher auch für die Simulation und das Einüben des digitalen Lernens auf Distanz genutzt werden.

Plan D, Teil 3: Organisiertes Distanzlernen

Wie die Erfahrungen mit dem ungeordneten digitalen Schulalltag gezeigt haben, ist die Vorgabe einer klaren Zeitstruktur für den Schultag und die Schulwoche dringend erforderlich. Die freie Gestaltung einer Arbeits- und Schulwoche ist für Schüler/innen, für deren Eltern und für die Lehrer/innen eine Überforderung. Selbst die freie Einteilung eines einzigen Schultages gelingt nur ausnahmsweise und da vor allem sehr starken Schüler/innen mit bildungsaffinen Elternhäusern. Die schwächeren bleiben auf der Strecke. Daher ist ein an den Normalplan angelehnter (abgespeckter) Stundenplan für den digitalen Distanzunterricht, ein verbindlicher Plan D, dringend erforderlich. Er ist geeignet, auch den Lehrer/innen klare Vorgaben für die Präsenz und die Unterrichtsorganisation in Distanzphasen zu machen, vermeidet aufwändige Abstimmungen in den Klassenteams, wer wann welche Schüler/innen unterrichtet, und regelt die Phasen der synchronen Kommunikation zwischen den Lernenden und ihrer Lehrer/innen zuverlässig. Wenn z.B. zunehmend Video-Unterricht in einer Distanzphase stattfindet, kann man es nicht den einzelnen Lehrer/innen überlassen herauszufinden, wann eine Video-Unterrichtsstunde oder eine andere Art der synchronen Unterrichtung und Präsenz stattfinden kann. Da kann man außer den sog. Kernfächern durchaus auch Sport, Kunst, Musik integrieren. Warum sollen Sportlehrer/innen ihre Schüler/innen nicht per Video anleiten, wie sie sich zuhause oder draußen vor der Tür in Lockdown-Phasen fit halten können? Ein für alle verbindlicher Plan D für die Schulwoche löst die Probleme, die als deutliche Kritik am Distanzunterricht artikuliert wurden, lädt diese aber nicht bei der einzelnen Lehrkraft ab, sondern definiert das digitale Distanzlernen als institutionelle Aufgabe.

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