Unterrichtsentwicklung und Schulentwicklung

Es ist eine sehr ermutigende Erfahrung im Forschungsverbund „Leistung macht Schule“, dass viele Schulen in unserem Teilprojekt Englisch und in anderen Teilprojekten nicht dem vergleichsweise engen Rahmen einzelner Forschungs- und Entwicklungsprojekte verhaftet bleiben, sondern dass sie weit darüber hinaus ihre Schule und den Unterricht weiterentwickeln möchten. Dieser Wille hat eine unmittelbare Entsprechung in der Arbeit des Teilprojektes Englisch: Sie entwickelt sich dort am besten, wo die Arbeit im Fach eingebettet ist in eine pädagogische Orientierung der gesamten Schule und den gemeinsam getragenen Willen zur Weiterentwicklung in Beantwortung allgegenwärtiger gesellschaftlicher, kultureller und medialer Entwicklungen.

Transformation des Unterrichts

Im Teilprojekt Englisch arbeiten wir mit dem Konzept des aufgabenbasierten Unterrichts.  Man darf diesen Ansatz durchaus als Gegenentwurf zu einer lehrer/innenzentrierten, oft auch kleinschrittigen Art des Unterrichtens betrachten. Die Arbeit mit komplexen Aufgaben weist Lehrer/innen und Schüler/innen andere Rollen zu und versucht vor allem, den Lernenden die Verantwortung für ihre Arbeit und das Lernen zu übergeben. Diese Eigenverantwortung für erfolgreiches Arbeiten ist vor allem auch daran geknüpft, dass die Aufgaben mit lebensweltlichen Erfahrungen und herausforderungsreichen Problemstellungen verbunden sind.

Änderung der Schüler/innenhaltungen

Auf diese Weise wird ein hoher Grad der persönlichen Aneignung der Aufgabe durch die Schüler/innen ermöglicht, der sich in unserem Projekt bei vielen Schüler/innen oft in einer persönlichen Investition, unerwartetem zeitlichen Aufwand und erstaunlichem Engagement, dem Willen, etwas wirklich Gutes vorzustellen. So kann es vorkommen, wie es am Regino-Gymnasium in Prüm in einer 5. Klasse der Fall war, dass eine Schülerin zu der Aufgabe, ihr dream house zu zeichnen und zu beschreiben, ein komplettes, detailreiches mehrstöckiges 3-D-Haus mitbrachte, das sie mit viel Aufwand aus Papier gebastelt hatte. Es lässt sich sogar verallgemeinern, dass in ganz vielen Fällen und in verschiedenen Modi – in Worttexten, im Layout, in visuellen Gestaltungselementen – ein ausgeprägter ästhetischer Gestaltungswille erkennbar ist.

Neugier und Interesse

Auch andere Effekte sind bemerkenswet: Diese Art Arbeit führt u.a. dazu, dass die Schüler/innen ein sonst eher ungewöhnliches Interesse, ja eine Neugier für die Aufgabenprodukte ihrer Mitschüler/innen entwickeln. Häufig passiert es aber auch, dass die Lehrer/innen auf sehr schöne, positive Weise von den Arbeitsergebnissen und -produkten ihrer Schüler/innen positiv überrascht, ja beeindruckt werden und manchmal sogar überwältigt sind beim Anblick der Aufgabenprodukte ihrer Schüler/innen.

Transfer in der eigenen Schule

All diese Effekte legen es nahe, nicht nur im Fach Englisch mit dem Aufgabenansatz zu arbeiten, sondern auch in anderen Fächern. Tatsächlich findet der Aufgabenansatz im Forschungsverbund „Leistung macht Schule“ (LemaS) in Gestalt der problemlösenden „substanziellen Aufgabe“ auch in der Mathematik und in den naturwissenschaftlichen Fächern Anwendung. Es ist daher nur bedingt überraschend, dass mehrere Schulen im Englischprojekt, aber auch aus anderen LemaS-Teilprojekten sich auf den Weg gemacht haben, in der Breite aller Fächer den Unterricht in Richtung des Aufgabenansatzes weiterzuentwickeln. Konkret schlug sich das darin nieder, dass wir von mehreren Schulen eingeladen wurden, das Konzept der Arbeit mit komplexen Aufgaben und das zugehörige Aufgabenmodell für das gesamte Kollegium aller Fachbereiche vorzustellen. Vor allem die jeweiligen Schulleitungen artikulierten den ausgeprägten Willen, den Unterricht und die Lernkultur an ihrer Schule weiterzuentwickeln.

Aufgabenbasiertes Arbeiten in allen Fächern

Aus Sicht der Lernenden ist das eine sehr produktive und wünschenswerte Entwicklung, denn auch die Arbeit der Schüler/innen mit komplexen Aufgaben, damit verbundene Haltungen, Erfahrungen und Strategien müssen erlernt und zu Routinen verstetigt werden. Da ist es sehr von Vorteil, wenn eine Eigenständigkeit und Entscheidungsfreude erfordernde Arbeitsweise nicht nur bei einzelnen Lehrer/innen oder in einem Fach praktiziert wird. Umgekehrt ist es nicht so plausibel, dass ein erfolgreiches Konzept, das offenbar auch viele jenseits des Faches Englisch oder der Mathematik überzeugt, auf diese Fächer beschränkt bleibt.

‚Das Regino‘ in Prüm
Das Regino-Gymnasium in Prüm im Gebäude der früheren Benediktiner-Abtei

Am Beispiel des Regino-Gymnasium in Prüm in der Eifel, eine ‚unserer‘ Schulen im LemaS-Teilprojekt Englisch, kann man sehen, dass die Arbeit mit einem innovativen Ansatz in dem eher begrenzten Bereich eines Faches dann besonders erfolgreich ist, wenn sie in umfassendere Vorstellungen von der Weiterentwicklung der gesamten Schule mit all ihren Akteuren – auch der Eltern – eingebettet ist. Das Schulgebäude und sein Name gehen auf die Benediktinerabtei (gegründet 751) und ihren Abt Regino zurück; sie verweisen auf eine ganz lange Tradition und die Verbundenheit der heutigen Schule mit ihr, werfen aber gerade deshalb kontinuierlich die Frage auf, wie eine zeitgemäße Schule aussehen und arbeiten muss. In jüngerer Zeit hat die Schule diese Frage neben vielem anderen damit beantwortet, dass sie sich zur Teilnahme am Forschungs- und Entwicklungsprojekt LemaS zur Erkennung und Förderung von Begabungen entschlossen hat.

Schulentwicklung als Professionsentwicklung
Studientag des Lehrerkollegiums des Regino-Gymnasiums im Herbst 2021

Vor allem aber schlägt sich der Wille zur ständigen Weiterentwicklung auch in der aktiven Bearbeitung aktueller Entwicklungen nieder, wie sie ein Studientag für die Lehrer/innen zu den Fragen der Digitalisierung darstellt. In meinem Einführungsvortrag skizzierte ich die zentralen kulturellen, pädagogischen und didaktischen Fragen nach den Implikationen der Digitalisierung für die schulische Bildung.

Neue Formen des Wissens und der Kommunikation

Mir war und ist vor allem wichtig, dass die Digitalisierung nicht ‚irgendwie‘ die Medien betrifft, sondern eine Vielzahl substanzieller Veränderungen mit sich bringt:

  • neue Formen des Wissens im Fach, die sich, wie z.B. die Arbeit mit Datenbanken, die Beschäftigung mit der Funktions- und Arbeitsweise von Algorithmen, die digitale Musik- oder Filmproduktion, die Nutzung elektronischer Nachschlagewerke usw., grundlegend von der Arbeit in analogen Umgebungen und mit analogen Instrumenten unterscheiden;
  • ein veränderter, breiter, weltweiter und mobiler Zugang zum Wissen, der das Wissensmonopol der Schule und der Lehrperson betrifft und relativiert;
  • neue Formen und Wege der Kommunikation, der Präsentation und der Verfügbarmachung der Aufgaben und der Arbeitsergebnisse im Unterricht, also Wege und Weisen der Digitalisierung, die weit über die Notlage des pandemiebedingten Distanzunterrichts hinausweisen.
Entwicklung der professionellen Kompetenzen

Wenn man diese Implikationen der gegenwärtigen kulturellen und medialen Transformation ernst nimmt, erkennt man, dass der Wille einer Schule, ihre eigenen Schlussfolgerungen daraus zu ziehen und sich zugleich für sie fit zu machen, unbedingt notwendig ist. Vor allem aber müssen wir als Lehrer/innen selbst beständig weiterlernen. ‚Das Regino‘ trug dem Rechnung dadurch, dass der Studientag sich grundsätzlichen Fragen der Digitalisierung widmete, zugleich aber auf dem Weg des Stationenlernens und der Unterweisung durch Expert/innen aus den eigenen Reihen ganz praktische Herausforderungen wie die Arbeit mit der Video-Plattform MS Teams, mit iPads oder mit der elektronischen Tafel im Klassenraum bearbeitete. Wie dieser Studientag eindrücklich zeigte: Unterrichts- und Schulentwicklung sind nur möglich, wenn die Lehrer/innen selbst ihre pädagogischen und didaktischen Kompetenzen und Kenntnisse kontinuierlich weiterentwickeln.

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