Neue literaturwissenschaftliche Publikationen (2020 und 2021)

Methoden der Analyse literarischer Texte

Im Jahr 2010 haben Vera und Ansgar Nünning im Metzler Verlag den verdienstvollen Band zu „Methoden der literatur- und kulturwissenschaftlichen Textanalyse“, so der Titel, herausgegeben. Sie antworteten damit auf den überraschenden, aber durchaus zutreffenden Befund, dass in den Literaturwissenschaften die explizite Benennung und Reflexion methodischer Verfahren der Textanalyse weithin vernachlässigt, wenn nicht gar gänzlich versäumt wird. Nun haben sie eine aktualisierte Version dieses Methoden-Bandes in englischer Sprache im Wissenschaftlichen Verlag Trier herausgebracht und tragen damit der Tatsache Rechnung, dass die meisten methodischen Ansätze ebenso wie die Autor/innen der Beiträge aus der Anglistik und Amerikanistik stammen.

Nünning, Vera & Nünning, Ansgar (eds.) Methods of Textual Analysis in Literary Studies. Approaches, Basics, Model Interpretations. Trier: WVT. 197-227.

Darüberhinaus entstammen die literarischen Besipielanalysen, die Bestandteil aller Beiträge sind, allesamt den englischsprachigen Literaturen. Der Band stellt eine große Bandbreite von Analyseverfahren vor, von hermeneutischen und new historicist approaches über feministische, narratologische oder postkoloniale Analysemethoden und viele andere mehr. Mein eigener Beitrag betrifft eine Standard-Herausforderung beim Umgang mit allen literarischen Texten, die kulturell oder historisch dem vollständigen Verstehen nicht auf Anhieb zugänglich sind und eine systematische Kontextualsierung erfordern. Als Verfahren wird wide reading vorgeschlagen, also die literarischen Texte in einem größeren Text- und Diskursfeld zu lesen, damit Bedeutungen, Anspielungen, Wertungen und Positionierungen im literarischen Text selbst erkennbar werden.

Wolfgang Hallet (2020). Close Reading and Wide Reading. Analyzing the Cultural Dimension of Literary Texts. In: Nünning, Vera & Nünning, Ansgar (eds.) Methods of Textual Analysis in Literary Studies. Approaches, Basics, Model Interpretations. Trier: WVT. 197-227.

Semiotische und generische Formen im Roman

Caroline Levine hat 2017 in ihrem programmatisches Buch Forms. Whole, Rhythm Hierarchy, Network (Princeton & Oxford: Princeton UP) eine Rehabilitation der Form und ein Plädoyer für formorientierte Analyseverfahren vorgelegt. Angeregt vor allem durch diesen Vorstoß haben die Literaturwissenschaftler/innen Elisbateh Kovach, Ansgar Nünning und Imke Polland in einem literatur- und kulturwissenschaftlichen Band das große Potenzial von new formalist approaches für neue Deutungen und neuartige Sichtweisen auf literarische Werke unter Beweis gestellt. Für einen genaueren Einblick geht es hier zum Inhaltsverzeichnis.

In meinem Beitrag zeichne ich am Beispiel von NW von Zadie Smith (2012) nach, auf welche Weise ein Roman als Syntagma und Netzwerk verschiedener semiotisch erzeugter Interaktionsformen, also z.B.Dialoge, Erzählungen, Telefongespräche, Chat-Nachrichten und vieler Formen mehr verstanden werden kann. Eine solche generisch und semiotisch formale Analyse ist geeignet, die kulturellen HAndlungsfelder und Praktiken der Akteur/innen im Roman genauer erfassen und besser erkennbar machen kann.

Wolfgang Hallet (2021). The cultural and epistemological power of forms in the novel. In: Kovach, Elisabeth, Nünning; Ansgar & Polland, Imke (eds.) (2021). Forms at Work: New Formalist Approaches in the Study of Literature, Culture and Media. Trier: WVT. 87-104.

Kognition, Literatur und andere Künste

Als Literaturdidaktiker habe ich mich seit Langem mit den kognitiven Konstruktionsleistungen beschäftigt, die beim Verstehen literarischer Texte wirksam, aber auch erfordert sind. Immerhin sind alle literarischen Formen auch Weisen der kognitiven Strukturgebung sind. Nun ist es meinem Lissaboner Kollegen, dem Literatur- und Kulturwissenschaftler Peter Hanenberg und mir gelungen, in einem Band Expert/innen aus den verschiedensten Disziplinen zu versammeln, die die kognitiven Leistungen und Implikationen literarischer und narrativer Texte (Peter Hanenberg, Katja Mellmann, Vera Nünning, Susanne Reichl), aber auch der Musik (Per Age Brandt, Elisheva Rigbi) und der schönen Künste (Ana Margarida Abrantes) offenlegen. Dass die kognitiven Neurowissenschaften einen neuen Blick auf being human und unsere Vorstellungen von Kultur ermöglichen, skizziert Alexandre Castro-Caldas in seinem Beitrag „Is Culture Exclusively Human?“

Peter Hanenberg & Wolfgang Hallet (eds.) (2021). Cognition, Culture, and the Arts. Interdisciplinary Perspectives on Narrating, Understanding, and Reading. Berlin et al.: Lang.

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