Ethnographisches kulturelles Lernen

Zu den wichtigsten Fähigkeiten, die die Schule jungen Menschen vermitteln muss, gehört es, sich in neuen oder anderen kulturellen Umgebungen orientieren und positionieren zu können. Dies gilt für jede einzelne soziale Umgebung in der eigenen Lebenswelt genauso wie für andere und fremdsprachige Gesellschaften und geschieht normalerweise eher intuitiv: Man nutzt seine Erfahrungen, sein Wissen und sein soziales ‚Gespür‘, wenn man sich in einen neuen sozialen Kontext (z.B. einen Verein), in einen neuen kulturellen Lebensbereich (z.B. Beruf) oder, freiwillig oder gezwungen, in eine ganz andere Gesellschaft begibt (z.B. Migration). Insofern ist die Erkundung von und die Orientierung in fremdsprachigen und distanten Gesellschaften ein Sonderfall aller sozialen und kulturellen Bildung. Der Schule und dem Fremdsprachenunterricht kommt die Aufgabe zu, diese Fähigkeit zu systematisieren und auszudifferenzieren.

Discovery learning bei Byram

So etabliert Byrams Modell der interkulturellen kommunikativen Kompetenz ist zur Verständigung mit Menschen anderer Sprache und Kultur, so leicht wird übersehen, dass darin die skills of discovery and interpretation wichtige Komponenten sind. Damit trägt Byram der Tatsache Rechnung, dass man in fremdsprachigen Umgebungen auch immer auf Neues, schwer Verständliches und auf im eigenen Denksystem nicht verfügbare Bedeutungen trifft. Daher ist es erforderlich, sich das Neue und Unbekannte aus der Beobachtung solcher Phänomene selbst, aus lesbaren Dokumenten oder aus interpretierbarer Interaktion zu erschließen:

„[The skill of discovery] is the skill of building up specific knowledge as well as an understanding of the beliefs, meanings and behaviours which are inherent in particular phenomena, whether documents or interactions. The knowledge acquired may be ‚instrumental‘ or ‚interpretative‘. […] The skill of discovery is the ability to recognize significant phenomena in a foreign environment and to elicit their meanings and connotations, and their relationship to other phenomena. […] Given the power of international media and popular culture, it is likely that the individual will be able to identify some phenomena in the most distant environments, although it cannot be assumed that they have the same meaning and significance.“ (Byram 1997: 38)

Ethnographie als kulturelles Lernen

Die Ethnographie ist als Teildisziplin der Kulturanthropologie, aber auch als Methodologie der Erforschung anderer Kulturen entstanden und systematisiert wissenschaftlich, was wir kulturell intuitiv tun: kulturelle Äußerungen, Verhaltensweisen und Interaktionen zu lesen und zu interpretieren, sodass wir ihre Bedeutung verstehen. Diese Interpretierbarkeit von Kulturen ist eine generelle Annahme der Kulturwissenschaften und hat ihren Ursprung in Clifford Geertz‘ Konzept der Interpretation of Cultures (1973).

Ethnographische tools

Es gibt zahlreiche ethnographische Werkzeuge und Methoden, die in der Forschung standardmäßig eingesetzt werden und die sich ebenso gut zur systematischeren kulturellen Erkundung im Fremdsprachenunterricht eignen. Dazu gehören Umfragen per Fragebogen, Interviews in Straßen- oder Schulhofumfragen, narrative Interviews im Freundeskreis oder in der Familie oder auch videographierte Interaktionen, die anschließend ausgewertet und interpretiert werden. Auch field notes zu Beobachtungen im eigenen Alltag oder auf einer Klassenfahrt sind denkbar, aber auch die Sammlung von Daten und Statistiken und das Studium von Dokumenten, Fotos oder anderer Quellen. Man erkennt auf Anhieb, dass die Fremdsprache das zentrale Medium ist, in der diese Forschungshandlungen vor sich gehen. Man kann also sicher sein, dass mit dem kulturellen Lernen stets ein sehr (auf ein bestimmtes kulturelles oder soziales Feld) fokussiertes und zielgerichtetes sprachliches Lernen einhergeht. Mehr noch: Die Fragen, Erkenntnisziele und Verfahren ethnographischen Erkundung und Beschreibung müssen sorgfältig vorbereitet und konzipiert werden: Ohne Forschungsziele keine Forschungsfragen und keine adäquate Wahl der Instrumente.

Gegenstände des ethnographischen Forschens

Mittels ethnographischer Erforschung lassen sich im Grunde alle Phänomene und Ereignisse in fremdsprachigen Kulturen erfassen. Natürlich ist die unmittelbare Beobachtung fremdsprachiger kultureller Phänomen eher die Ausnahme (außer auf Klassenfahrten und Reisen); da jedoch auch lebensweltliche oder transkulturelle Erscheinungen oder Erfahrungen, also alle Arten von Verhalten (z.B. Mediennutzung), Praktiken (z.B. Gaming) oder Institutionen (z.B. Vereine) Gegenstand der Erkundung sein können, kann auch die direkte Beobachtung Grundlage des kulturellen Lernens sein.

Online forschen

Natürlich bietet das Internet die Möglichkeit, auch Institutionen oder Events in räumlich distanten Kulturen genauer zu erforschen. Nicht nur präsentieren diese sich selbst normalerweise mit eigenen Webseiten oder auf anderen Plattformen (Facebook, Instagram; Youtube), sondern oft sind auch weitere Dokumente und Quellen (z.B. Presseartikel, Fotos, Videos) online zugänglich. Diese sind deshalb wichtig, damit jenseits von Selbstverlautbarungen oder Selbstdarstellungen ein neutraleres, differenzierteres und pluraleres Bild vom Gegenstand gewonnen werden kann. Beispiele für eine solche digitale Methode sind die Erforschung des großen ghanaischen Kulturfestivals Afrochella, das Jesse Jacovini (2020) beschreibt, oder die Erforschung von Überwachungstechnologien, wie sie in dem Beitrag zu surveillance cultures (Hallet 2020) vorgestellt wird.

Zum Weiterlesen: Michael Byram (1997). Teaching and Assessing Intercultural Communicative Competence. Clevedon: Multilingual Matters. — Jesse Jacovini (2020). Doing ethnographic research. Der fremdsprachliche Unterricht Englisch 54, 166. 10-11. – Lotta König (2020). Ethnographisch-exploratives Arbeiten. In: Hallet, Wolfgang, Martinez, Hélène & Königs, Frank G. (Hrsg.): Handbuch Methoden im Fremdsprachenunterricht. Hannover: Klett Kallmeyer. – Wolfgang Hallet (2020). Surveillance Cultures: Theory, Ethnographic Research and Discourse Competence in the Foreign Language. In: Kramer, Jürgen & Lenz, Bernd (Hrsg.). How to do Cultural Studies: Ideas, Approaches, Scenarios. Würzburg: Königshausen & Neumann. 107-134.

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